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Was Darwin zu unsern Krankenkassen Prämien sagen würde




Medizin Nur die Fitten überleben. Positive Selektion und Mutation. Seit Charles Darwin die Evolution auf den Punkt gebracht hat, laufen Humanisten Sturm gegen die damit verbundene Brutalität. Survival of the fittest bedeutet zwangsläufig das Zugrunde gehen der weniger Fitten, Schwachen und Kranken.

Die Krankenkassen der Schweiz betreiben knallharte Risikoselektion. Ganz legal. Jede Krankenkasse wünscht sich junge, gesunde und brave Prämienzahler – möglichst ohne Leistungsansprüche. Die chronisch Kranken will niemand. Klar! Denn im Gesundheitswesen gilt die 80:20 Regel! Rund 20 Prozent der Prämienzahler verursachen rund 80 Prozent der Gesamtkosten. Risikoselektion wird so zum betriebswirtschaftlichen Gebot der Stunde. Dass dabei unzimperlich vorgegangen wird, hat sich herumgesprochen. Kranke werden abgewimmelt, Anträge werden auf Eis gelegt, Telefone bleiben stumm. Besonders pikant: Der Antrag „Grundversicherung“ wird unzulässigerweise mit dem Angebot „Zusatzversicherung“ verknüpft.

Kopfgeldjagd statt Krankenversorgung

In der Grundversicherung besteht für alle Kassen eine Aufnahmepflicht. Es dürfen keine Gesundheitsfragen gestellt und keine Vorbehalte gemacht werden. Ganz anderes bei der Zusatzversicherung: Fragen zur persönlichen Gesundheit und Vorbehalte sind erlaubt. Antragssteller müssen ehrlich Auskunft geben, sonst drohen später Leistungskürzungen bis hin zur Leistungsverweigerung.

Und so läuft es in der Praxis: Der Fragebogen für die Zusatzversicherung gibt umfassend Auskunft über das Risikoprofil des Antragstellers. Die kasseninterne Risikoselektion besorgt den Rest, die Kranken werden möglichst abgeschoben. Damit wird der ursprüngliche Gedanke der Solidaritätsgemeinschaft in sein Gegenteil verkehrt. Und zweitens: Mit diesem Vorgehen wird kein einziger Franken gespart. Das heute gültige System fördert die unmenschliche Jagd nach guten Risiken – statt der wirkungsvollen und kosteneffizienten Versorgung der Kranken.

Gesundheitsorchester mit Steinzeitinstrumenten

Um Einhalt zu gebieten, wurde ein Risikoausgleich geschaffen. Berücksichtigt werden dabei Geschlecht, Alter und Wohnort. Wer einen 80-Jährigen grundversichert, erhält über 1000 Franken pro Monat aus dem Ausgleichsfonds. Wer einen 25-Jährigen versichert, muss über hundert Franken in den Ausgleichstopf einzahlen. Dabei gibt es gesunde 80-Jährige, die seit über zehn Jahren keine Leistungen bezogen haben. Und es gibt 25-jährige HIV-Kranke, die zu den teuersten Risiken überhaupt gehören. Mit anderen Worten: Der heute praktizierte Risikoausgleich ist ein Steinzeit-Instrument. Politiker, Ärzteschaft und Kassen haben das Problem erfasst und beginnen dessen Tragweite zu erahnen. Gesucht wird deshalb ein Krankheits-Index der es erlaubt, die Anzahl leichter und schwerer chronischer Krankheiten zu erfassen. Nur so lässt sich ein echter Risikoausgleich ins Leben rufen. Nur so lässt sich wirkungsvolle Versorgung fordern und fördern – egal ob es um kleine oder große Risiken geht. Wer kosteneffizient verarztet, versichert oder managet, wird belohnt. Selbst der ursprüngliche Solidaritätsgedanken bekäme mit einem echten Risikoausgleich neues Leben eingehaucht.

Mehr als ein Lichtstreifen am Horizont

Im Institut für Spiraldynamik in Zürich wurde Mitte 2005 ein solcher Krankheits-Index erstellt. Wir orientieren uns dabei am TMI – dem Thurgauer Morbiditäts-Index. Die Daten werden vollständig anonymisiert ausgewertet. Daraus ergibt sich das „Risikoprofil der Gesamtheit unserer Patienten“. Als Spezialisten versorgen wir relativ viele Patienten mit chronischen Problemen des Bewegungssystems – entweder mit mehreren leichten oder mit wenigen schweren chronischen Krankheiten. Das kollektive Risikoprofil dient dazu, den diagnostischen und physiotherapeutischen Aufwand zu begründen und nötigenfalls zu rechtfertigen. Im Quervergleich arbeiten wir effektiv und kosteneffizient. Jede Operation, die dank Verhaltensänderung nie oder erst viel später statt findet, senkt Risiken, Nebenwirkungen und Kosten. Einige Krankenkassen haben dies erkannt und bieten Hand zu einer vertieften und nachhaltigen Zusammenarbeit, worüber wir uns aufrichtig freuen.

Fitte belohnen statt Kranke bestrafen!

Zurück zur Frage, was Darwin von der heute praktizierten Risikoselektion halten würde. Hier die hypothetische Antwort: Auf den ersten Blick sähe Darwin seinen Kerngedanken der Selektion bestätigt. Auf den zweiten Blick kämen Zweifel auf. Das Prinzip der Evolution heißt positive Selektion – die Fitten werden belohnt. In unserem System der negativen Selektion werden die Kranken bestraft. Die Belohnung der Fitten bleibt aus. Nach dem zweiten Grundprinzip – der Mutation, dem plötzlichen Quantensprung zu überlebensfähigeren Strategien und Verhalten – hielte Darwin vergeblich Ausschau. Aus Mangel an Mut und Motivation hat der Quantensprung bisher nicht statt gefunden.

Was bedeutet das konkret für Sie?

Risikoselektion findet statt – mit oder ohne Ihr Wissen, mit Ihrem Einverständnis oder gegen Ihren Willen. Was bleibt ist die Möglichkeit, Ihr persönliches Risikoprofil zu verändern. Genügend Bewegung, ausgewogene Ernährung, weg mit den Zigis, erholsamer Schlaf usw. Hinzu kommen Leistungs- und Genussbereitschaft, Veränderungsfähigkeit, persönliche Gesundheitsvorsorge und freiwilliger Verzicht auf unnötige Leistungen des Gesundheitssystems. Die gesellschaftlichen Dimensionen des Problems lassen sich so nicht lösen, aber Ihr persönliches Risikoprofil wird sich verbessern. Die positiven Veränderungen werden garantiert aktenkundig, in Ihrem Körper, bei Ihrem Arzt und als Zahlen auch bei Ihrem Versicherer. Am Schluss behält Herr Darwin doch Recht! Positive Selektion und Mutation funktionieren – aber nur wenn Sie Ihre Gesundheit selbst in die Hände nehmen und die Risikoselektion nicht anderen überlassen.

Dr. med. Christian Larsen
September 2005