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Salutogenese: Schwimmen lernen im Fluss des Lebens



Medizin
Ob Gesundheitsförderung, Lehrmittel für Sporterziehung oder medizinischer Fachartikel: Der salutogenetische Ansatz gibt zunehmend die Richtung an. Was ist damit gemeint? Welchen Beitrag kann Spiraldynamik leisten?  

Stellen Sie sich vor,  Menschen fallen immer wieder in einen reissenden Fluss. Macht es Sinn, sie jedes Mal mit grossem Aufwand zu retten, ohne sich Gedanken zu machen, wie sie da hineingeraten sind und wie sie sich in Zukunft selber helfen könnten? Die aufwändigen Rettungsaktionen verändern weder die Situation noch verhelfen sie den Betroffenen zu Eigenständigkeit. Ein erster sinnvoller Schritt wäre vielmehr, die Menschen ordentlich schwimmen zu lehren! Erstens wären sie im Wasser nicht mehr nur überrascht und hilflos. Sie könnten die Situation verstehen. Zweitens hätten sie das Gefühl, die Situation bewältigen zu können. Durch das Schwimmen hätten sie Ressourcen zur Verfügung der „Anforderung Fluss“ zu begegnen. Drittens würde Schwimmen in dem Moment Sinn machen. Es lohnte sich, Energie ins Schwimmen zu investieren.

Diese Metapher des Flusses verwendete der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky (1923 – 1994), um sein Konzept der Salutogenese zu verdeutlichen. Die Salutogenese beschäftigt  sich mit der Gesundheitsentstehung (vom lateinischen salus, Gesundheit und dem griechischen genesis, Werden, entstehen). Sie steht damit der Pathogenese gegenüber. Pathogenese ist in der Schulmedizin gebräuchlich und beschäftigt sich ausschliesslich mit der Entstehung und Behandlung von Krankheiten. Kernstück der Salutogenese ist das Kohärenzgefühl (sense of coherence), ein Gefühl des Vertrauens: Es entsteht, wenn Menschen Kräfte zur Verfügung haben, um mit den körperlichen und psychosozialen Belastungen  des Lebens erfolgreich umzugehen. Drei Aspekte, welche am Beispiel des Schwimmens bereits erwähnt sind, bestimmen dieses dauerhafte und gleichzeitig dynamische Kohärenz-Gefühl.

  • Verstehbarkeit: Der Mensch muss auftretende Belastungen erklären, verstehen und verarbeiten können.
  • Bewältig- oder Handhabbarkeit: Der Mensch verfügt über innere und äussere Ressourcen, über erfolgsversprechende Handlungsstrategien.
  • Sinnhaftigkeit: Der Mensch hat das Gefühl, dass die Anforderungen und Probleme es wert sind, sich zu engagieren und Energie zu investieren.

Ein weitsichtiges Gesundheits- und Bildungswesen orientiert sich heute neben dem pathogenetischen ebenso stark am salutogenetischen Ansatz und schöpft die Möglichkeiten aus, die das Kohärenzgefühl eines Menschen erzeugen, entwickeln und verstärken. Nicht nur die Frage “Was macht Menschen krank?“, sondern gerade auch die Frage  „Was hält Menschen gesund?“ hält Lösungen zu konstruktiven Ansätzen in Medizin, Bildung, Wirtschaft und Politik bereit. Salutogenese führt zu vernetztem Wahrnehmen, Denken und Handeln, was angesichts der  aktuellen Lage dringend ist, doch  immer wieder schmerzlich vernachlässigt wird. (Wenn die eine Hand nicht weiss, was die andere tut, ist es mit der Koordination nicht weit her.)

Spiraldynamik ist, ob im medizinischen, therapeutischen oder pädagogischen Bereich salutogenetisch  orientiert. Sie informiert, erklärt, macht Probleme transparent und verstehbar. Sie eröffnet gezielt individuelle Ressourcen, fördert die Eigenverantwortung und ist erfolgsversprechend bei Herausforderungen. Mit diesem Konzept zu arbeiten bedeutet: in Gesamtzusammenhängen denken, weitsichtig, ökonomisch und menschenfreundlich handeln.

Renate Lauper
August 2005