Dr. phil. Hanspeter Gubelmann:
Simon Ammanns Flugsimulator

 

Hanspeter Gubelman live erleben

Spiraldynamik: Simon Ammann

portraitEr ist quasi die Software des schweizerischen Überfliegers: Hanspeter Gubelmann, Referent am diesjährigen Spiraldynamik Kongress, ist Sportpsychologe. Er spricht über Rezepte zum Erfolg und solche zum Umgang mit Misserfolg.

Warum fliegt der vierfache Olympiasieger Simon Ammann weiter als alle anderen? Das wollten wir vom Sportpsychologen und Ammann-Betreuer Hanspeter Gubelmann wissen: Er arbeitet mit verschiedenen Leistungs- und Spitzensportlern zusammen, begleitet sie, ohne sie zu pushen. Er hat persönlich einen durch und durch sportlichen Hintergrund und kennt dadurch die Wechselwirkungen des Erfolges ebenso wie die des Misserfolges.

Hanspeter Gubelmann, wie hoch ist Ihr persönlicher Anteil an Simon Ammanns Erfolg?
Fast Null. Solche herausragenden Leistungen gehören immer dem Sportler. Simon sitzt ganz allein oben auf dem Balken der Schanze. Er ist es, der diese Leistung bringt. Körperlich, aber auch mental. Simon Ammann hat nicht nur sportlich das Talent, sondern auch mental die Gabe, die es braucht.

Aber Sie sind sein mentales Back-up.

Nein. Ich bin sein Sportpsychologe, das ist alles. Ich bin ein Teil seines Trainingsumfeldes, ein Dienstleister.

Worin besteht dieser Dienst genau?

Als erstes arbeite ich mich in die Sportart ein. Rund tausend Tage habe ich mit den Athleten an der Schanze verbracht. Mindestens ebenso wichtig ist die Beziehung zum Sportler, sie muss auf absolutem Vertrauen basieren.

Warum ist das so wichtig?

Der Erfolg stellt sich in aller Regel nicht sofort ein. Die jahrelange Aufbauphase ist mit Misserfolgen gespickt. Die Analyse der Misserfolge braucht so viel Ehrlichkeit, ein so präzises Hinschauen auf Dinge, die noch nicht optimal sind, dass Vertrauen grundlegend wichtig ist.

Nun ganz konkret: Wie geht das alles?

Das ist in jeder Sportart etwas anders. Skispringen ist eine Sportart mit ganz speziellen Eigenheiten. Die Spitzenleistung muss innert Sekunden abgerufen werden. Dazu kommen spezielle zeitliche und örtliche Einschränkungen, die das Sprungtraining stark limitieren. Die Schanzen stehen im Gegensatz zur Läuferstrecke nur sehr begrenzt zur Verfügung. Das macht die Bewegungsimagination so wichtig.

Den berühmten Film im Kopf?
Genau: Wer sich am Start überlegen muss, was nun zu tun sei, ist verkauft. Da muss das Erfolgsprogramm schon auf Hochtouren laufen. Und zwar nicht nur im Kopf, sondern auch im Körper.

Simon sitzt aber immer sehr ruhig, fast abgeklärt auf dem Balken...
Mit Puls 180! Die Ruhe täuscht. Körper und Geist sind längst im "Flug-Modus" - ein einziges Kraftwerk: Das ist das Zeitfenster, in welchem Höchstleistungen möglich werden. Dann heißt es "Film ab". Der Erfolgssprung wird durchlebt, mit klar definierten Etappen: Anfahren, Tempo gewinnen, Absprung, Flugphase, Landung, Jubelschrei. Das ist eigentlich kein Versuch, sondern ein Nachvollziehen des perfekten Sprungs, der zum absoluten Glück führt - oder wie es Simon so salopp zu sagen pflegt, der einfach "geil" ist.

Aber da ist doch viel Show dahinter.

Gar nicht, im Gegenteil: Das ist ur-authentisch. Denken Sie an die Momente, wenn er nach dem Sprung etwas ins Mikrofon sagen sollte: Da kommt kaum ein vollständiger Satz, weil Simon eben nicht im Show-Modus ist: Selbst wenn er über den Sprung spricht, ist er im "Flug-Modus". Das ist sein Erfolgsrezept - er hat da einen inneren Kippschalter.

Haben Sie den installiert?
Ich hab sicher dabei geholfen, mit ihm und vielen anderen zusammen.

Kann jeder diesen Erfolgsfilm für sich drehen?

Theoretisch schon, es ist aber auch eine Frage der mentalen Begabung und der Professionalität des "Regisseurs". Ein Jahr vor den Olympischen Spielen waren wir in Vancouver, um diesen Film zu drehen, um die Schanze, die Umgebung, die Gerüche einzufangen und in den Film einzubauen, den Moment, wie es sein wird, so realistisch wie möglich zu gestalten.

Das hat ja ziemlich gut funktioniert...
Ja, das hat hervorragend funktioniert - zu meiner professionellen Freude und Erleichterung!

Und wenn es mal nicht klappt? Auch Ammann hatte nach seinen ersten Olympia-Siegen ein Tief, Andreas Küttel kommt momentan nicht wunschgemäß auf Touren.
Dann kommt eben die grundehrliche Analyse. Das ist eine meiner Hauptaufgaben. Solche Durststrecken können Gold wert sein - wie er bewiesen hat: Wer sie aushält, warten und sich eine Strategie zurechtlegen kann, der hat beste Chancen, groß heraus zu kommen und stabile Leistungen zu erbringen. Viele Spitzensportler haben mir nach so einer Phase gesagt, dass sie absolut lehrreich und nützlich war.

Wie lautet die Strategie?

Zentral ist die Formulierung der Selbstwirksamkeit, der Überzeugung, was man zu leisten im Stande ist. Selbstwirksamkeit ist ein Begriff aus der Psychologie im Zusammenhang mit der Selbsteinschätzung. Im Spitzensport heißt das etwas vereinfacht ausgedrückt: "Wenn der das kann, kann ich das auch", und dann tut man es - oder eben nicht. Ich bin für ersteres zuständig, für die Wahrnehmung der Selbstwirksamkeit.

Also zwei Hauptfaktoren für den Erfolg: Der innere Film und Selbstwirksamkeit. Gibt's einen dritten im Bunde?
Es gibt noch viele und sie sind zum Teil sehr individuell. Aber einer ist seit eh und je der gleiche: diszipliniertes Einhalten der Trainingseinheiten. Da ist viel Fleißarbeit dahinter, Routine, die es möglich macht, den mentalen Film, die körperlichen Funktionen ablaufen zu lassen. So wie beim Autofahren - solange Sie darüber nachdenken müssen, welchen Gang Sie nun wählen und wie er zu schalten ist, klappt das schlecht und kann sogar gefährlich werden. Der Kopf sollte möglichst nicht eingreifen müssen - Flow ist angesagt. Stimmen diese Voraussetzungen, werden Höchstleistungen möglich und abrufbar.

Lässt sich das auch anderswo nutzen?
Natürlich. Eins zu eins - im Beruf, in der Schule, selbst im Alltag: Das ganze Leben spielt sich so ab. Erfolg stellt sich so selten zufällig ein wie der sprichwörtliche Lotto-Sechser.