Musikmedizin: Spezifische Handdiagnostik und Therapie

Spiraldynamik® Musikmedizin: Messgerät zur Erfassung der passiven Beweglichkeit der Fingergelenke

medizin | Neue Kooperation "Spiraldynamik" mit dem Zürcher Zentrum Musikerhand...

Die Hand im Zentrum der Musikmedizin
Instrumentalspiel bedeutet Hochleistungssport für Hand und Finger. Präzision, Geschwindigkeit, Koordination und Ausdauer werden instrumentenspezifisch trainiert. Wenn es um das Meistern spieltechnischer Herausforderungen oder um das Lösen medizinischer Probleme geht, müssen Diagnostik, Pädagogik und Therapie perfekt ineinander greifen. Das Best Practise Beispiel aus Zürich: Die Zürcher Hochschule der Künste bietet mit dem Zürcher Zentrum Musikerhand (ZZM) Studenten und Musikern eine weltweit einzigartige spezifische Handdiagnostik und systematisierte funktionelle Prävention, Schulung und Therapie an. Bei "handfesten" medizinischen Problemen bestehen seit Jahren eine Kooperation mit dem Arzt Christian Larsen und Therapeuten der Spiraldynamik®.

Im Zürcher Zentrum Musikerhand (ZZM)
können Musikerhände biomechanisch vermessen und mit rund 2000 bestehenden Datensätzen verglichen werden. Das weltweit einmalige Messverfahren wurde im Max-Planck-Institut für Arbeitsphysiologie in Dortmund und an der Hochschule für Musik in Hannover entwickelt. Beim Umzug (2009) des Handlabors von Hannover nach Zürich wurde das gesamte Datenmaterial (seit 1964) der untersuchten Musiker mit den originalen von Christoph Wagner entwickelten Messgeräten übernommen und erweitert.

An der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK)
sind Musik- und Präventivmedizin gross geschrieben. Der Professor für Musikphysiologie Horst Hildebrandt leitet den MAS-Studiengang, die musikmedizinische Beratung und das Handlabor (Assistenz: Oliver Margulies).Mit ihm bahnt Marina Sommacal - Dozentin für Musikphysiologie an der ZHdK und ausgebildete Spiraldynamik® Fachkraft - neue Wege durch den Dschungel von Körper, Bewegung, Atmung, Spiel- und Gesangstechniken.

Christian Larsen
31. März 2013

 

Biomechanische Handmessung
Bei der Untersuchung von Hand und Arm kommen ausschließlich nicht-invasive Methoden zum Einsatz: Mechanische Distanz- und Winkelmessungen, freie aktive Bewegungen, mechanisch geführte Bewegungen, passive Beweglichkeit und Kraftmessungen ergeben ein objektives und differenziertes Bild der individuellen, instrumentalspezifischen Möglichkeiten und Begrenzungen der Musikerhand. Eine biomechanische Handmessung kann je nach Instrument zwischen 20 und 100 Messgrößen umfassen

Beispiel eines Handprofils

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Erstellung eines Handprofils
Mit Hilfe der Biomechanischen Handmessung gewinnt man ein objektives und differenziertes Bild von den manuellen Vorzügen und Begrenzungen eines einzelnen Instrumentalisten hinsichtlich seines Instruments. Daraus können sich wichtige Anhaltspunkte für individuelle spieltechnische Lösungen und zur Prävention von Überlastungserscheinungen und Berufskrankheiten ergeben. Die Ergebnisse der Biomechanischen Handmessung werden mittels eines sogenannten Handprofils erfasst und die gewonnenen Daten der instrumentalspezifischen Vergleichsgruppe zugeordnet. Die Dezil-Raster-Graphik erlaubt es, auf einen Blick die individuellen biomechanischen Eigenschaften vor dem Hintergrund einer instrumentenspezifischen Vergleichsgruppe von Gesunden zu betrachten.

Vier Parametergruppen
1. Handform und Handgröße: Analoge und digitale Messverfahren
2. Aktive Bewegungsumfänge: z.B. die aktive Spannweite zwischen je zwei Fingern, die Bewegungsumfänge werden durch selbständige Gelenkbewegungen geprüft
3. Passive Beweglichkeit: Hier werden die Gelenke der entspannten Hand mit einer Standardkraft apparativ von außen bewegt, wobei Hand und Arm unter sanftem Druck im Gerät fixiert sind. Diese Messung gibt Aufschluss über die Höhe des Gelenkwiderstandes
4. Muskelkraft: Das Handlabor ZHdK verfügt seit diesem Jahr über ein neues Gerät zur Messung der Fingerkraft, welches zusammen mit der Firma Bytics Engineering AG entwickelt wurde.

Details zum Dezilraster
Das Dezilraster beginnt links mit dem tiefsten 1. Dezil und endet im 10. Dezil mit den höchsten jemals gemessenen Werten. Im 5. Dezil (mittlere Spalte) finden sich die „durchschnittlichen“ Werte in Bezug auf das gemessene Vergleichskollektiv. Zuordnungen im 1. bzw. unterhalb des 1. Dezils deuten auf besonders kleine Werte hin, welche Hinweise auf manuelle Begrenzungen am Instrument geben können. Werte im Bereich des 10. Dezils zählen zu den höchst gemessenen Werten in Bezug zur Vergleichsgruppe und können auf große Reserven im Bereich Reichweite, Beweglichkeit und Kraft schließen lassen. Ausnahmen von dieser Regel bilden die Fingerlängendifferenzen 3-1 und 3-5: Bei diesen wird aufgrund instrumentenspezifischer Voraussetzungen die Zuordnung invertiert wird, d.h. eine große Differenz steht als mögliche Limitierung am Instrument im Profil jeweils links.

Interpretation
- Rechts liegende Werte können auf viel Spielraum und Reserven an Reichweite, Beweglichkeit und Kraft hindeuten.
- Links liegende Werte können auf eine deutliche manuelle Limitation hinweisen
- Sofern ein funktioneller Zusammenhang besteht, können links liegende Werte dank anderer, rechts liegender Werte zumindest teilweise kompensiert werden.
- Bei Händen, die eine höhere Zahl links liegender Werte vereint, muss besonders aufmerksam auf instrumentenspezifische bzw. ergonomische Strategien und Lösungen eingegangen werden.

Praktische Konsequenzen
Das Handprofil ist für diverse Entscheidungen rund um das Musizieren nützlich. Die Werte spiegeln die individuellen Möglichkeiten und Begrenzungen der Spieler wider, anhand derer Entscheidungen in folgenden Bereichen getroffen werden können: Ergonomische Anpassungen, Instrumentenposition, Instrumentengröße, Spielhaltung, Bewegungen bzw. Spieltechnik, Fingersatzwahl, Repertoirewahl, Übungs- und Trainingsstrategien, individualisierte Handübungen, Entscheidungen über Ausbildungsziel und persönliche Ansprüche, Prävention und Therapie instrumentenspezifischer Beschwerden.

Horst Hildebrandt/Oliver Margulies
31.März 2013

Kontakt
Prof. Dr. med Horst Hildebrandt |+41 43 4465120 | horst.hildebrandt@zhdk.ch
Oliver Margulies | oliver.margulies@zhdk.ch

Literatur
-
Hildebrandt H (2004) Musikstudium und Gesundheit. Aufbau und Wirksamkeit eines präventiven Lehrangebotes. 2. Auflage. Peter Lang, Bern 2004
- Margulies O/Hildebrandt H (2011) „Zürcher Zentrum Musikerhand (ZZM) im Aufbau. Hände verstehen - Instrumentalspiel erleichtern“. In: Musikphysiologie und Musikermedizin 18(3) (2011): 34
- Wagner C (1974) „Determination of Finger Flexibility”. In: European Journal of Applied Physiology 32 (1974): 259-278
- Wagner C (1977) „Determination of the rotary flexibility of the elbow joint“. In: European Journal of Applied Physiology 37 (1977): 47-59
- Wagner C/Drescher D (1984) „Measuring Mobility of the Metacarpo-phalangeal Joints II, III, IV and V in the Dorso-volar Plane”. Engineering in Medicine 13(1) (1984): 15-20
- Wilson F/Wagner C/Hömberg V (1993) „Biomechanical Abnormalities in Musicians with Occupational Cramp/Focal Dystonia”. Journal of Hand Therapy 6(4) (10-12/1993): 298-307
- Wagner C (2005) Hand und Instrument - Musikphysiologische Grundlagen, Praktische Konsequenzen. Breitkopf und Härtel, Wiesbaden, Leipzig, Paris (2005)
- Wagner C (2012) „Musicians’ Hand Problems: Looking at Individuality. A Review of Points of Departure“. In: Medical Problems of Performing Artists 2(2) (6/2012): 57-64