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Rhizarthrose: Der genial-verflixte Daumen

Spiraldynamik®  Ergotherapie: Rhizarthrose: Der genial-verflixte Daumen

medizin | Kleinfinger voraus! Die stabile Kleinfingerseite gibt dem Daumen Kraft, Beweglichkeit und ermöglicht präzises Greifen. Diese Opposition ist entscheidend für das Daumen-Sattelgelenk - und die Therapie der Rhizarthrose.

Daumengrundgelenk: Ein abgenutzter „Sattel“
Bei der Rhizarthrose (von altgriech. rhiza = „Wurzel“ und arthron = „Gelenk“) handelt es sich um eine Arthrose zwischen dem ersten Mittelhandknochen und dem grossen Vieleckbein (Os trapezium). Die Arthrose des Daumensattelgelenks ist die häufigste degenerative Erkrankung der Hand, wobei Frauen deutlich öfter davon betroffen sind als Männer. Studien haben gezeigt, dass auch viele Therapeutinnen darunter leiden. Sie entsteht durch mechanische Überbeanspruchung sowie erbliche Faktoren wie Instabilität des Gelenkes oder mangelhafte  Knorpelqualität. Angenommen wird zudem eine hormonell bedingte Laxizität des Bandapparates um das Sattelgelenk. Andere Ursachen, welche zu einer Abnützung des Knorpels führen, sind entzündliche Erkrankungen z.B. rheumatoide Arthritis, Stoffwechselstörungen z.B. Gicht oder Unfälle mit Schädigung des Sattelgelenkes.

Belastungsschmerz: Fallenlassen statt Zupacken
Viele Patientinnen berichten über Bewegungs- und Belastungsschmerzen, die zunehmend in einen Dauerschmerz übergehen. Typisch ist der Schmerz an der Daumenbasis und am Daumenballen. Häufig werden die Beschwerden in das Handgelenk projiziert, teilweise mit Ausstrahlung in den Unterarm. Probleme bereitet das kraftvolle Zugreifen, zum Beispiel beim Aufschrauben von Gläsern oder Flaschen. Häufig kommt es auch zum ungewollten Fallenlassen von Gegenständen, sei es durch plötzlichen Schmerz oder durch Kraftlosigkeit. Eine deutliche Einschränkung der Gebrauchsfähigkeit der Hand erfahren die Rhizarthrose-Patienten bei Alltagstätigkeiten, wie zum Beispiel beim Zähneputzen, beim Einfädeln eines Fadens durch ein Nadelöhr, beim Herumdrehen eines Schlüssels, beim Öffnen der Autotür oder beim Umblättern von Seiten.

Operation nach Epping: Sehnenstreifen statt Kunstgelenk
Operativ gibt es bis heute keinen befriedigenden Gelenkersatz wie z.B. an Hüfte oder Knie. Stattdessen wird die sogenannte Eppingplastik vorgezogen, welche gute Resultate zeigt: Nach dem Entfernen des Trapezium Handwurzelknochens wird körpereigenes Sehnengewebe dazwischen gelagert. Und wer es ganz genau wissen will: Meist wird hierzu die eine Hälfte der längs gespaltenen Sehne des M. flexor carpi radialis, kurz FCR genannt, verwendet. Der abgespaltene Sehnenstreifen wird in die Resektionshöhle eingezogen, dort eingerollt und am 1. Mittelhandknochen fixiert. Und damit sitzt der Daumenmittelhandknochen nicht mehr fest im Sattel, sondern ähnlich wie auf einem „Meditationskissen“. Die Heilungszeit verläuft durchschnittlich vier bis sechs Monate. Meist wird so eine gute Funktionalität erreicht. Mit einer gewissen Kraftverminderung muss allerdings gerechnet werden.

Spiraldynamik® Therapie: Mit dem Kleinfinger die Rhizarthrose bändigen
Die zwei Pole der Hand entsprechen den Grundgelenken des Kleinfingers und des Daumens. Durch die spiegelsymmetrische Einrollbewegung bauen sie das Quergewölbe der Mittelhand beim Greifen auf und beim Loslassen wieder ab. So entstehen rhythmische und wellenartige Bewegungen im Handgewölbe. Die Finger gewinnen an Geschicklichkeit, Präzision und Kraft. Kurzum: Die Bewegungsdimension der Hand geht kugelförmig in die "Breite" und nicht, wie oft angenommen, in die "Länge". In diesem komplexen Zusammenspiel haben der Daumen und der Kleinfinger unterschiedliche Aufgaben: Der Daumen ist der mobile und präzise Pol, der Kleinfinger der stabile und stützende Pol. Die Aktivität der Kleinfingerseite ist von großer Bedeutung - speziell für den Daumen: Der aktive, aufgespannte Kleinfinger wirkt als natürliche "Begrenzung" für die Bewegungen des Daumens. Verliert die Kleinfingerseite - meist durch verkümmerten Gebrauch - ihre stabilisierende Wirkung, entfällt für den Daumen die natürliche Begrenzung, er überschreitet seinen funktionellen „Bewegungsradius“. Es kommt zur Fehlrotation im Sattelgelenk und damit zur "Gelenkflächen-Inkongruenz". Dies führt zu einer extremen Verkleinerung der kraftübertragenden Flächen und zu gefährlichen Druckbelastungsspitzen im Sattelgelenk. Mit anderen Worten: Das Daumengrundgelenk ist Arthrose fördernden Fehlbelastungen ausgesetzt.

Blickdiagnose: C-Bogen, Achse und Muskelbauch
Bei guter Koordination ist erstens der Handgewölbe-Querbogen als gleichmässiger C-Bogen der Fingerknöchelreihe ersichtlich - mit dem Knöchel des Mittelfingers als Scheitelpunkt. Zweitens: Der Daumen ist abgespreizt und bildet mit dem Zeigfinger einen U-förmigen Bogen. Drittens: Der Mittelfinger steht in der direkten Verlängerung des Unterarms. Und viertens: Der Handrücken ist zum Handgelenk hin zirka 20° nach oben gewinkelt.

Die typische Fehlhaltung der Hand bei einer Rhizarthrose ist bereits bei ruhender Handstellung unschwer mit blossem Auge erkennbar. Legen Sie Ihre Hand mit der Handfläche nach unten entspannt auf einen Tisch: Ist der Daumen - in Innenrotations- und Adduktionsstellung - zum Zeigefinger hingezogen, verändert sich der perfekte U-Bogen zwischen Daumen und Zeigefinger zum engen und schmalen V-Bogen. Das Kuppelgewölbe der Hand bricht ein und wird zum „Flachdach“. Oft finden wir dieses Phänomen auch auf der Kleinfingerseite: Das Quergewölbe nimmt abrupt an Höhe ab, die Kante des Unterarms erscheint zum Kleinfinger hin kurz und geknickt, die Hand ist regelrecht zur Kleinfingerseite hin abgeknickt (Ulnardeviation). Zudem weisen Kleinfingerballen (Hypothenar) und Daumenballen (Thenar) einen deutlich geringeren Muskelbauch auf, dies vor allem im Spätstadium. Dabei können weitere Gelenke der Handwurzel in Mitleidenschaft gezogen werden - wie beispielsweise jene zwischen Scaphoideum, Trapezium und Trapezoideum – bei der sogenannten STT-Arthrose. Oft kommt es so zum "karpalen Kollaps", was sehr schmerzhaft sein kann.

Stabilitätstest: Teetasse und Wäscheklammer
Der Daumen verliert seinen Bezugsrahmen und damit Kraft, Schnelligkeit und Präzision. Ein einfacher Test beweist dies: Legen Sie Ihre Hand locker auf die Kleinfingerseite und lassen Sie Ihren Daumen kreisen. Dieser hat einen relativ grossen Bewegungsradius, die Bewegung ist jedoch holprig bis unangenehm. Jetzt zum Vergleich: Hand wiederum locker auf die Kleinfingerseite legen, diesmal rollen Sie aber den Kleinfinger fest ein und lassen so wieder den Daumen kreisen. Unterschied erkannt? Der Bewegungsradius verringert sich, die Bewegungsqualität hingegen verbessert sich sichtbar und spürbar. Ähnlich verhält es sich mit der Kraft: Beim Zusammendrücken einer Wäscheklammer mit Daumen- und Zeigefingerspitzen nehmen Präzision und Ausdauer zu, wenn Sie gleichzeitig den Kleinfinger fest einrollen und anspannen. Beim Tee trinken mag das Abspreizen des Kleinfingers elegant aussehen, funktionell ist es keinenfalls.

Therapie: Worauf es beim Üben an kommt

  • Zentrierung und Ausrichtung des Sattelgelenks
  • Mobilisierung der Handwurzel - speziell daumenwärts
  • Kräftigung des Quergewölbes - speziell kleinfingerseitig
  • Koordination der Greiffunktionen - speziell die Greifpräzision
  • Umsetzung und Integration in den Alltag

Ein spezielles Augenmerk gilt der Kleinfingerseite! Mehr Bewegungsfreiheit für den Daumen dank mehr Stabilität auf der Kleinfingerseite

Spiraldynamik® Ergotherapie: Tipps für Profis

  • Wirbelsäule aufrichten, nutzen Sie die Dynamik des Brustkorbs für alle Bewegungen des Armes und der Hand
  • Schaffen Sie ein Bewusstsein für die Achse Unterarm-Hand - Mittelfinger in Verlängerung des Unterarms. Eine verkürzte ulnare Seite weist auf einen inaktiven Kleinfingerpol hin
  • Die Funktionsstellung der Hand entspricht einer leichten Dorsalextension im Handgelenk
  • Das Handgewölbe aufbauen. Die Aktivität der Kleinfingerseite bildet den Gegenpol und gibt dem Daumen Halt
  • 3D-Mobilisation der Daumenseite: STT-Gelenke - Gelenke zwischen dem Kahnbein, grossem und kleinem Vieleckbein. Entscheidend ist die Beweglichkeit des Kahnbeines (Scaphoideum), es bringt den Daumenstrahl in die gewünschte Oppositionsstellung. Fehlt diese Beweglichkeit, kommt es automatisch zur Fehlrotation des ersten Mittelhandknochens im Sattelgelenk
  • Aufspannung und Dehnung des M. adductor pollicis;
  • Und gleich noch einmal: Bewusste Wahrnehmung der Kleinfingerseite
  • Aufdehnung der intrinsischen Muskeln (Mm. interossei dorsales) kleinfingerwärts
  • Öffnung der ulnaren Handgelenksseite (ulnokarpaler Komplex) durch Verlängerung des M extensor carpi ulnaris
  • Aktivierung des Hypothenars mittels Länge- und Einrollbewegungen.
  • Supinationsbewegung über den Kleinfingereinsatz, oft ist eine Kleinfingerschwäche mit einer Supinationsschwäche verbunden
  • Integration in Alltagssituationen: Greifen von verschiedenen Gegenständen nach dem Motto „Kleinfinger voraus“

Sandra Leu | Ergotherapeutin
Dr. med. Gertraud Albers | Ärztin
1. Februar 2013