Hallux valgus: Großzehe auf Abwegen

Hallux valgus: Spiraldynamik® als vielversprechende Therapieoption

medizin | Der Hallux valgus ist ein komplexes Krankheitsbild. Am Anfang der Therapie steht Klärung der Ursache - meist ein Spreizfuß. Die Spiraldynamik® als aktives Therapieverfahren ist eine vielversprechende Therapieoption speziell im Anfangsstadium. Die Kombination mit gezielter Einlagenversorgung bietet sich an. Bei fortgeschrittenen Krankheitsbildern kommt nach kritischer Abwägung der Vor- und Nachteile die moderne Fußchirurgie zum Einsatz.

"Abweichung der großen Zehe nach lateral außen. Der Hallux valgus ist die häufigste Form der Fußdeformität." Quelle Fachlexikon Orthopädie, Fuß. So knapp beschreibt ein orthopädisches Lexikon diese komplexe Vorfußdeformität, die in einer Vielzahl der Fälle Frauen betrifft. In seltenen Fällen ist auch das männliche Geschlecht betroffen, jedoch bildet diese Fußerkrankung bei Männern die Ausnahme. Das Leitsymptom der Erkrankung ist neben dem Abweichen der Großzehe zur Seite der ausgeprägte Vorfußschmerz. Patienten mit einem hochgradigem Hallux valgus sind vor allem Schmerzpatienten und suchen deshalb die Sprechstunde eines Orthopäden auf. Ein Schmerz, der im Prinzip eine einfache Ursache hat und der unbehandelt in das Vollbild der Erkrankung mündet.

Der menschliche Fuß: Komplexes Konstrukt aus Knochen, Sehnen und Muskeln
Alle Fußstrukturen zusammen genommen bilden ein Organ welches den dynamischen Gang und Stand, das Laufen, Rennen und Springen sowie eine Vielzahl weiterer komplexer Bewegungen ermöglicht. Vereinfacht dargestellt besitzt das Fußgewölbe durch das fein abgestimmte Zusammenspiel aller Strukturen eine gewisse Form und eine gewisse Spannkraft im Innern, welche für komplexe Bewegungen notwendig ist. Das Fußskelett ist in sich 3D-verschraubt, elastisch verspannt und bildet durch raffinierte Spannungsverteilung ein Längs- und ein Quergewölbe aus. Besteht nun ein Ungleichgewicht zwischen den einzelnen Komponenten, ist die ganze Struktur des Fußes gestört. Als Beispiele erwähnt seien Knick-, Senk- oder Hohlfüße erwähnt; Manchmal sind es sogar Achsabweichungen der Beine, die zur nachhaltigen Störung des Gleichgewichts im Fuß führen. Dieses Ungleichgewicht äußert sich regelmäßig in der Abflachung einzelner Gewölbestrukturen - allen voran in der Abflachung des muskulären Vorfuss Quergewölbes.

Der gesunde Vorfuss: Muskelgefedert Schritt für Schritt
Von Natur aus "rollen" die Köpfe der Mittelfußknochen sozusagen "muskelgefedert" über dem Boden. Und so funktioniert das gesunde muskuläre Vorfuss Quergewölbe im Detail: Durch die bogenförmig angeordneten Mittelfußknochen entsteht vorne im Fuß ein flaches muskelgefedertes Quergewölbe. Beim unbelasteten gesunden Fuß bilden die Fußknöchel einen flachen Bogen, der  unter Belastung flachgedrückt wird um unmittelbar nach dem Abrollen wie eine flach gedrückte Blattfeder wieder in seine ursprüngliche Form zurück zu springen. Und dies Schritt für Schritt.

Oft stehen Fehlbelastung und das Tragen von falschem Schuhwerk am Anfang einer langen und verhängnisvollen Kette, die für das Entstehen eines Hallux valgus ursächlich entscheidend ist. Schmerzhafte Spreizfüße entstehen, wenn zu viel Belastung und zu viel Druck auf die Köpfe der Mittelfußknochen kommt. Die Abflachung des Quergewölbes führt dazu, dass die Mittelfußköpfe zu viel und falschen "Bodenkontakt" bekommen.

Der Spreizfuß: Abflachung, Verbreiterung und Drucküberlastung
Durch den Verlust von Gewebeelastizität und Muskelkraft kommt es sukzessive zum Verlust des Vorfuss Quergewölbes. Der Vorfuss kann den seitlichen Zusammenhalt nicht mehr aufrecht erhalten, die Zehenstrahlen werden mehr und mehr auseinander gespreizt. Beim Gehen ist der Fuß nicht mehr imstande, das Körpergewichtes federnd zu verteilen und dabei seine anatomische Form zu wahren. Es kommt zur massiven Überlastung im Vorfuss. Dieser versucht die Belastungskräfte umzuverteilen, indem er die von oben wirkenden Kräfte auf eine größere Bodenkontaktfläche verteilt. Der Vorfuss wird breiter und breiter - die typische Erscheinungsgeschichte des Spreizfußes ist programmiert. Aus diesem Grund fertigen Orthopäden Röntgenbilder unter Belastung des Fußes an. So können sie das Ausmaß des Spreizfußes abmessen: Der Winkel zwischen ersten und zweiten Mittelfußknochen ist ein Maß für die Ausprägung des Spreizfußes.

Die unkontrollierte Verbreiterung des Vorfußes ist das eine Kennzeichen des Spreizfußes, das andere die ungünstige Druckverteilung. Obschon die Bodenkontaktfläche durch das Breiterwerden grösser geworden ist, kommt es zur lokalen Drucküberlastung. Die Belastung verändert sich in Richtung "punktuelle statt flächige Druckbelastung" senkrecht nach unten - meistens genau unter den Mittelfußköpfen. Dort bildet die Fußsohle zum Schutz gegen die vermehrte Druckbelastung vermehrt Hornhaut. Mit der Zeit, wenn auch dieser Kompensationsmechanismus aufgebraucht ist, entstehend Druckbelastungsschmerzen direkt unter den Mittelfußköpfen - das klinische Leitsymptom des Spreizfußes.

Hallux valgus und Krallenzehen: Meist eine Folge des Spreizfußes
Die Natur sucht immer nach Lösungen durch Ausgleich. Das gilt auch für den überlasteten Spreizfuß: Die Mittelfußknochen werden auseinander gespreizt, die Zehen selbst werden vorne zusammengepfercht. Mit anderen Worten: Die Großzehe wandert wieder zur Seite - zur Kleinzehenseite hin. So entsteht das Vollbild des Hallux valgus: X-Schiefstand der Großzehe mit Ballenbildung. Je stärker die Erkrankung fortgeschritten ist, umso mehr wandert die Großzehe zur Kleinzehenseite hin. Im fortgeschrittenen Stadium über- oder unterwandert die Großzehe die zweite Zehe, die ihrerseits auszuweichen versucht und zu einer krankhaften Krallenzehe wird. Mit anderen Worten: Der sichtbare Hallux valgus ist die sprichwörtliche Spitze des Eisberges, dahinter versteckt sich fast immer eine komplexe Störung der gesamtes Gewölbestatik des Fußskeletts. Kein Hallux valgus ohne vorangegangene langjährige Entstehungsgesichte eines Spreizfußes. Einzige Ausnahme ist der Hallux valgus juvenilis - der erblich bedingte Hallux valgus im Jugendalter.

Spiraldynamik® Therapie: Je früher desto präventiver
Im Anfangsstadium eines Hallux valgus können Sie mit Hilfe der Spiraldynamik® Methode der Abflachung des muskulären Vorfuss Quergewölbes aktiv und präventiv entgegenwirken. Sie können das muskuläre Quergewölbe wieder aufbauen. Gezieltes aktives "Training der Vorfuss Binnenmuskulatur" plus "Fuß- und Beinachsentraining" sind die Rezepturen um wieder schmerzfrei zu werden und dem Fortschreiten der Deformität Einhalt zu gebieten. Der Fuß hat eine erstaunliche Regenerationsfähigkeit, Patienten werden nach intensivem und anatomisch richtigem Üben wieder schmerzfrei! Und so funktioniert der muskuläre Aufbau im Detail: Im Vorfuss gibt es ein Dutzend zwischen den Mittelfußknochen in Längsrichtung verlaufender kleiner Muskeln, die allesamt eine Beugung in den Zehengrundgelenken bewirken. Hinzu kommen kräftige querverlaufende Muskeln die den Vorfuss in Querrichtung zusammenhalten. Die stabilisierende Kraft dieser kurzen längs- und querverlaufenden Vorfußmuskulatur wird regelmäßig völlig unterschätzt. Kein Wunder - denn auf flachen Böden und in engen Schuhen fehlt es an elementarsten Trainingsreizen. Die Spiraldynamik® Methode zielt darauf ab, Funktion und Kraft dieser Vorfußmuskulatur wiederherzustellen um so dem Vorfuss Quergewölbe seine ursprüngliche Form und Elastizität wiederzugeben.

Einlagen: Pelotten unterstützen und entlasten das Quergewölbe
Eine ergänzende Möglichkeit parallel zum Training stellen Einlagen dar. Einlagen helfen das "neu aufgebaute" Vorfuss-Quergewölbe zu stabilisieren und schützen gleichzeitig die Mittelfußköpfe vor Drucküberlastung. Dazu muss die Einlage eine individuell angepasste, recht hohe und dennoch weiche Pelotte besitzen. Die Pelotte ist eine Erhöhung im Bereich direkt hinter den Mittelfuß Köpfen, welche diese leicht anhebt und beim Gehen sozusagen wieder "schwebend über den Boden rollen" lässt. Oft mache ich die Erfahrung, dass die Patienten beim Anblick der Einlage verängstigt sind und durch die Einlage noch mehr Schmerzen erwarten. Nach einer Eingewöhnungsphase von bis zu drei Monate, wollen sie aber auf diese speziellen Einlagen nicht mehr verzichten. Richtig eingesetzt führen Einlagen kombiniert mit konsequentem Gewölbe- und Fußtraining zu erstaunlichen Ergebnissen im Hinblick auf eine nachhaltige Schmerzreduktion. Und darum geht es in erster Linie bei einer Vielzahl von Hallux Patientinnen und Patienten: Schmerzfreiheit bedeutet ein Gewinn an Mobilität und an neuer Lebensfreude.

Vorfußchirurgie: Nach der Operation ist vor der Operation
In manchen Fällen ist das Quergewölbe derart abgeflacht, die Hallux valgus Fehlstellung so ausgeprägt und der Winkel zwischen der ersten und des zweiten Zehe so groß, dass eine konservative Behandlung zwar Linderung verschafft aber weder Schmerz noch Deformität aus der Welt schafft. In diesen Momenten schlägt, nach einer gründlichen gemeinsamen Abwägung durch Patient und Arzt, die Stunde der modernen Vorfußchirurgie: Operativ wird der natürliche Winkel zwischen erstem und zweiten Mittelfußknochen wieder hergestellt. Dieses Ziel lässt sich heutzutage gelenkerhaltend mit einer Vielzahl verschiedener Operationstechniken verwirklichen. Dabei wird der erste Mittelfußknochen sozusagen "zersägt" und "ineinander verschoben". So schafft es der Fußchirurg, den Winkel zwischen dem ersten und zweiten Mittelfußknochen zu verkleinern. Selbstverständlich wird gleichzeitig auch die Hallux valgus Fehlstellung der Großzehe korrigiert, die hauptsächliche Leistung der Operation ist und bleibt aber die Auflösung der Spreizfußsituation. Umso wichtiger ist deshalb die funktionelle Nachbehandlung nach erfolgter Operation und abgeschlossener Einheilung der Knochenstrukturen. Funktionelle Therapie und gezieltes Training tragen wesentlich zum Erreichen eines optimalen Operationsresultats bei.

Peter Hende, Leitender Arzt Spiraldynamik® Med Center Basel
4. Januar 2013