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Personalisierte Medizin: Die Zukunft hat begonnen

Spiraldynamik® Newsletter: Personalisierte Medizin

medizin Die personalisierte Medizin ist im Anrollen. Nein, dabei geht es nicht um eine individuelle und ganzheitliche Patientenbetreuung. Es geht um neue Arzneimittel, abgestimmt auf die genetische Information des einzelnen Menschen.

September 2011, Engelberg. Im Reich der Medikamente findet eine stille Revolution statt. Bisher sah das Geschäftsmodell der Pharmaindustrie so aus: Ein Medikament für möglichst viele Menschen. Das gleiche Aspirin für Dschungelindianer und Eskimos, obschon die vielleicht ganz andere Medikamenten Stoffwechselwege haben. Der Nachteil dieser Strategie: Ein und dasselbe Medikament wirkt bei verschiedenen Menschen unterschiedlich gut, mal ein Volltreffer, mal keine Wirkung, mal voll daneben. Medikamentöse Nebenwirkungen haben es in den USA inzwischen in die Statistik der zehn häufigsten Todesursachen geschafft. Das Schrotflintenprinzip soll jetzt durch zielgenaue Medikamente ersetzt werden.

Grundlage dazu bildet die genetische Information des Menschen, sein Genom. Die wichtigsten Sequenzen und genetischen Risikofaktoren kann inzwischen jedermann und jedefrau für US$ 99 bei der Firma 23andme.com bestellen. Wird das Gen ApoE positive getestet, steigt das Alzheimerrisiko um einen Faktor Dreißig! Solche massenfähigen Tests haben Konsequenzen für Patienten, Ärzte, Datenschützer, Lebensversicherer – vermutlich für die gesamte Gesellschaft. Personalisiert sollen sie werden, die neuen Medikamente, angepasst auf das Individuum oder zumindest auf bestimmte genetische Gruppen. Das klingt vielversprechend!

Vom 14.-16. September 2011 fand die Tagung zu diesem Thema statt. Die Weltspitze der Forschung und Meinungsbildner wurden von der Academia Engelberg eingeladen. Hier ein paar Highlights und Augenöffner:

  • Der Nutzen für das Individuum liegt auf der Hand: Bessere Wirkung der Medikamente, weniger Nebenwirkung. „Mehr Biologie - weniger Chemie“ ist teils bereits heute Realität, wenn etwa Tumoren mit Antikörpern statt mit Chemotherapie bekämpft werden.
  • Die Kosten: „Insgesamt wird es sicher teurer, auch wenn punktuelle Einsparungen möglich sind“ so der ehemalige Präsident der Schweizerischen Akademien der Wissenschaften SAMW Dr. Peter Suter.
  • Der Datenschutz: In den allermeisten Ländern – inklusive Schweiz und USA -  ist es Versicherern und Arbeitgebern nicht gestattet, genetische Information zu verwenden – ausgenommen in England. Dort darf sie verwendet werden, sofern sie negativ, das heisst zu Gunsten des Patienten ist. Was prompt dazu geführt hat, das viele Antragsteller freiwillig ihren Gen-Test dem Antrag beilegen um so ihre Chancen auf einen Vertragsabschluss zu erhöhen.
  • Es gibt ein Recht auf Nicht-Wissen. Da sind sich alle einig und das soll auch so bleiben. Wer nichts wissen will, muss nichts wissen, was das Herz eines jeden Datenschützers und Ethikers freut. Gleichzeitig zeichnet sich eine ganz neue Entwicklung ab: Patienten der Generation Facebook publizieren komplette Krankengeschichten auf dem Web, die Daten werden vernetzt, ausgewertet und in Forschung und Klinik integriert. 
  • Akzeptanz: Alle Horrorszenarien, Menschen können mit ihrer genetischen Information nicht umgehen und würden bei Offenlegung von Risiken aus dem Fenster springen, haben sich bisher nicht bewahrheitet. Die Verarbeitungsstrategien wurden genau untersucht: Die Hälfte lässt von der Faktenlage erst gar nicht beeindrucken und bleibt bei der festen Überzeugung, ein sehr hohes oder ein sehr tiefes genetisches Risiko zu tragen. Eine Mehrheit der getesteten Personen ist froh die Risikolage zu kennen und verändert ihr Verhalten zumindest vorübergehend.
  • International: Spannend waren auch die Beiträge der Young Scientists, die vom Stellenwert der „personalisierten Medizin“ aus Sicht einiger Schwellenländer berichteten: In Pakistan beispielsweise hängt die mutmaßliche Akzeptanz von der Auslegung des Korans ab; China soll dabei sein, eine „Goldene Generation“ neuer Athleten für die nächsten olympischen Spiele heranzuzüchten.

Und in der Schweiz? Die Meinungsbildung hat soeben erst begonnen. Das Thema wird in den nächsten Jahren immer wieder auftauchen, vermutlich mit jedem klinischen Erfolg, bei dem es dann Vor- und Nachteile, Preis und Nutzen abzuwägen gilt.

Christian Larsen
Engelberg
17. September 2011