Werner Kieser: Der Mensch wächst am Widerstand
Spiraldynamik News Archiv Portrait | Kraft ist das körpereigene ABS-System: Kraftvolle Bewegungsführung garantiert kontrollierte Dynamik, beschleunigend oder bremsend. Werner Kieser erkannte das bereits in den Siebzigerjahren und holte das Krafttraining aus der schummrigen Bodybuilderecke in die aktive Gesundheitsförderung.


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Kraft ist das körpereigene ABS-System: Kraftvolle Bewegungsführung garantiert kontrollierte Dynamik, beschleunigend oder bremsend. Werner Kieser erkannte das bereits in den Siebzigerjahren und holte das Krafttraining aus der schummrigen Bodybuilderecke in die aktive Gesundheitsförderung.

Gegen 145 Kieser Studios gibt es in sieben europäischen Ländern: Ihr Begründer Werner Kieser ist überzeugt: „Der Mensch wächst am Widerstand“. Mit dieser Einstellung mischt er wahrhaft kräftig im Fitnessbusiness mit, obschon er dort gar nicht hin will: Die Philosophie des Pragmatikers: Kein Schnickschnack. Hohe Qualität und Sicherheit zu erschwinglichen Preisen sind seine Devise: Jeder soll es sich leisten können. Die Sache geht auf: Der Deutsche Konsumentenschutz “Warentest“ prüfte im Herbst 2006 sieben deutsche „Mucki-Ketten“ auf ihre Qualität. Durchgefallen ist keiner – aber ein gut erhielt nur Kieser Training.

Was hat Sie so früh schon zur Einsicht gebracht, dass Kraft ein so wichtiger Gesundheitsfaktor ist?

Ich habe in den Fünfzigerjahren das Krafttraining kennen gelernt, zu einer Zeit, als es dieses Wort im deutschen Vokabular noch nicht gab. Nach einer Sportverletzung erlebte ich die heilungsbeschleunigende Wirkung des Krafttrainings am eigenen Körper.

Aus welcher Sportecke kommen Sie?

Boxen war mein Ding in der Jugend. Diese Disziplin verlor aber durch meine Berührung mit dem Krafttraining an Magie: Entgegen den Meinungen der „Experten“ – Klubarzt und Trainer – hatte das Krafttraining ausschliesslich positive Auswirkungen; ich wurde schneller, beweglicher und meine äussere Erscheinung veränderte sich positiv. Schliesslich befasste ich mich ausschliesslich damit, was nicht ganz einfach war: Es gab kaum Literatur zu dem Thema.

Krafttraining war bis vor 20 Jahren mit ziemlich vielen Vorurteilen belastet. Hirnrissiges Gewichte-Rupfen, schweissgebadete, geölte Protze, erste Dopingvorwürfe.

Viele dieser Vorurteile waren schlicht von Neid geprägt. Es durfte ja nicht sein, dass bei einem, der so aussieht gar noch Intelligenz aufblitzt. Intellekt und Muskeln – das durfte nicht gleichzeitig da sein.

Ein bisschen wie bei Blondinen?

Vergleichbar ja. Und wie bei ihnen wurden diese Vorurteile als solche entlarvt. Übrigens nicht zuletzt durch die Schlagfertigkeit eines Arnold Schwarzeneggers, der die gefürchteten Talkmaster der Westküste während den Talkshows alt aussehen liess.

Und zum Thema Doping? War oder ist man da im Krafttraining nicht besonders anfällig?

Die Dopingvorwürfe gelten für nahezu alle Sportbereiche. Mich hat das nie sonderlich gestört, schliesslich dopen sich die Athleten – zumindest im Westen - freiwillig.

Sind Sie der Meister Proper des Krafttrainings?

Ich finde den Ausdruck nicht besonders geistreich. Es gibt in allen Sportarten vor allem seriöse Trainer, die die Wissenschaft zum Guten einsetzen. Das hat nichts mit „Saubermännern“ zu tun, sondern einfach mit seriöser, erfolgreicher Arbeit.

Wie haben Sie die Fachkompetenz erworben?

Vorwiegend als Autodidakt. Damals gab es dieses Fachgebiet ja noch nicht. Das meiste Wissen habe ich durch Beobachtung bei meiner Arbeit als Trainer erworben.

Und gleich den Missing Link in Form eines Buches auf den Markt gebracht?

Ja. Mein erstes Buch, „Leistungsfähiger mit Krafttraining“, war das erste populärwissenschaftliche Buch auf diesem Gebiet in deutscher Sprache.

Die Fitness-Szene boomt, Schlankheits- und Jugendwahn boomen. Ist das alles wirklich so erstrebenswert und sinnvoll?

Die Frage ist berechtigt, weil gewisse Werbestrategien und Vermarktungsslogans komplett daneben sind: Oft muss ich die Köpfe meiner neuen Kunden von solchem Unsinn entrümpeln, der ihnen durch die die Fitnessszene und ihrer Presse eingeimpft wurde. Da gibt es immer noch eine Menge gut verkäuflichen Blödsinns.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel der Glaube, dass Bauchübungen den Fettbauch reduzieren; dass man Zellulite wegtrainieren könne; dass hohe Wiederholungszahlen mit leichten Gewichten zum Abnehmen gut seien und niedrige Wiederholungszahlen mit schweren Gewichten gut für die Zunahme an Muskelmasse seien und so weiter.

Das glauben aber die Meisten immer noch!

Nicht die, die ein seriöses Training besuchen. Da hat sich in den letzten Jahren vieles gründlich geändert. Die Leute sind besser informiert.

Heute sind vor allem auch Senioren die Zielgruppe für Krafttraining. Ist das ein Marketing-Trick oder ist es sinnvoll?

Das ist sogar sehr sinnvoll und wird immer noch viel zu wenig genutzt: Alt werden ist eine Sache, schwach werden eine andere: Viele so genannte Altersbeschwerden habe ihre Ursache im Kraftverlust. Ich sage: Wir schonen die Alten zu Tode!

Also ab ins Fitness-Studio mit den grauen Panthern?

Aber sicher – oder wo immer das Training dann stattfindet. Studien an 86 bis 96 Jährigen zeigen, dass die Muskeln auch in diesem Alter trainierbar sind. Natürlich ist es besser, wenn man früher beginnt, aber auch da gilt: Lieber spät als nie!

Gerade Frauen der älteren Generation wurden in ihrem gesellschaftlichen Umfeld noch nicht so sportlich erzogen, das war eher etwas für Männer.

Das sind gleich zwei Irrtümer auf einmal: Irrtum eins, dass Frauen durch Krafttraining „vermännlichen“. In Wirklichkeit profitiert die weibliche Figur am meisten vom Krafttraining. Irrtume zwei, dass Krafttraining ein  „Sport“ sei: Das ist falsch. Krafttraining ist eine Hygienemassnahme zur Wartung des Bewegungsapparates. Die Reihenfolge lautet: „Wer seine Kraft trainiert hat, kann sich Sport leisten.“

Ist das nicht zu aufwändig?

Nein, im Gegenteil. Krafttraining ist weder zeitintensiv noch kostspielig: In Wirklichkeit genügen zweimal eine halbe Stunde pro Woche und das Sparpotential im Gesundheitswesen übersteigt die Investition um ein Vielfaches.

So gesehen wäre Kraft eine Initialfähigkeit, eine Grundkompetenz für Gesundheitsförderung?

Nicht wäre sondern ist: Wir bewegen uns ausschliesslich kraft unserer Kraft.

Bea Miescher
28. August 2007