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Medizin: Patientengespräche übertrumpfen Laborwerte



MedizinDas klassische Patientengespräch und Selbsteinschätzung erlauben präzisere Risikoeinschätzung als der neuzeitliche Evidenz-Wahn mit viel Labor, Zahlen und Papier. Wenn das in die richtigen Köpfe geht, steht einer gesunden Medizin nichts mehr im Weg!

Risikofaktoren sind stille Vorboten bestimmter Krankheiten. Rauchen beispielsweise ebnet den Weg zum Herzinfarkt. Die präzise Kenntnis der Risikofaktoren ist unerläßlich für die Prävention der damit assoziierten Krankheiten. Und damit von wissenschaftlicher Bedeutung. Mittels Screening und Tests werden Risikofaktoren heute in großem Stil gesucht und identifiziert: Cholesterin, Blutdruck und Knochdichte; Fragebogen für Alkoholprobleme, Screenings für Depressionen oder Vorsorgeuntersuchungen für Krebs. Diese Tests sollen dank ihrer hohen Nachweis-Empfindlichkeit – Mediziner sprechen von Sensitivität – das leisten, wozu der Mensch nicht mehr in der Lage ist. Umgekehrt gefragt: Kann der Mensch durch seine persönliche Sensitivität mit der Aussagekraft groß angelegter Screening-Tests mithalten? 

Das Max-Planck-Institut in Berlin und die Uni Basel haben persönliche Erfahrung und Selbsteinschätzung mit der statistischen Auswertung umfangreichen Zahlenmaterials verglichen. Das Fazit der Studie: Die Risikoeinschätzung durch Eigenerfahrung ist klar überlegen. Wer fragt: „Wie viele meiner Freunde und Bekannte sind an einer bestimmten Krankheit gestorben?“ landet unweigerlich bei den häufigen Krankheiten und kommt so zu einer realistischen Einschätzung des individuellen Risikos. Wer hingegen auf Regenbogenpresse, Stammtisch und TV baut, fällt regelmäßig auf die Nase: Häufige Krankheiten wie Herzinfarkt und Diabetes werden unterschätzt, seltene Krankheiten wie SARS und Vogelgrippe werden maßlos überschätzt. Wer zusätzlich die Krankheiten seiner Ursprungsfamilie analysiert, vermag die „Eigensensitivität“ nochmals zu steigern. Zusammenfassend: Das persönliche Umfeld spiegelt das statistisch-individuelle Risiko, die Verwandtschaft präzisiert das genetisch-individuelle Risiko. Das moderne Infotainment der Medien hingegen präsentiert Zerrbilder der Wirklichkeit und verleitet so zu unbewußter Risikofehleinschätzung mit allen negativen Folgen.   

Die zweite Studie – publiziert im British Journal of Medicine, März 2006, 332:511-7 – vergleicht Selbsteinschätzung und Labor-Screening am Beispiel von Alkoholproblemen. Die Sensitivität eines Tests kann in Prozenten ausgedrückt werden, wobei 100% einem unfehlbaren Test entspricht. Sämtliche Blutwerte inklusive Leberwerte erreichen eine Sensitivität zwischen 20-47%, das ist gut und evident. Fragebogen und Selbsteinschätzung hingegen vermögen 70% aller Alkoholproblem zu erfassen, dass ist besser und relevant. Bei den „falsch positiven“ Resultaten wird es noch eindrücklicher! Laborwerte verdächtigen 20-30% der untersuchten Menschen zu Unrecht des Alkoholproblems. Bei der Selbstevaluation täuschen sich gerade mal 2% zu eigenen Ungunsten. Kurzum: Die Sensitivität der Selbsteinschätzung ist doppelt so gut wie das Labor-Screening, die Spezifität gar zehnmal besser!

Genau aus diesem Grund nehmen sich präventiv-medizinisch tätige Ärztinnen und Ärzte Zeit für das Gespräch. Im ehrlichen Arzt-Patienten-Gespräch liegt der Schlüssel zur Risikoeinschätzung – erst in zweiter Priorität kommen Labor & Co zum Einsatz. In der Eigenverantwortung liegt der Schlüssel zu Verhaltensänderungen und damit zur Prognose – erst in zweiter Priorität kommen Medikamente & Co zum Einsatz. Schön, daß es für uralte ärztliche Weisheit zunehmend wissenschaftliche Beweise gibt!

Dr. med. Christian Larsen
28. April 2006