Aktuelle Informationen zur Spiraldynamik® in Zeiten von Covid-19 »

 
 
Sportschuhe: Mythos und Fiktion

MedizinSportschuhe leben neben Marke und Design von zwei Mythen: Stabilität und Stoßdämpfung - beides im Namen der Prävention von Fehl- und Überlastung. Beides ist nachweislich falsch. Die Super-Stoßdämpfung bewirkt genau das Gegenteil, ein härteres Aufprallen am Boden. Die Stabilität ist nur ein vermeintliche. Ein Blick in das Innenleben von Sportschuhen und deren Zukunftsperspektiven.

Klinische Studien zeigen mit unerwarteter Deutlichkeit: Unzählige Sehnen- und Sehnenbeschwerden gehen direkt auf das Konto moderner Sportschuhe. Bei einer Gruppe von AthletInnen (1) wurden die üblichen superweichen und gut gestützten Laufschuhe gegen flache, wenig dämpfende und wenig stützende Laufschuhe eingetauscht. Das überraschende Ergebnis: Viele der Probleme am Fuss und an der Achillessehne verschwanden so spontan. Sportschuhe können genau das verursachen, was sie zu verhindern vorgeben!

Untersuchungen am biomechanischen Labor der Universität ETH Zürich geben Aufschluss. Sportler erhalten die Aufgabe, mit dem Vorfuß auf einer schrägen Messplatte zu landen. Das Zielspringen erfolgt barfuß. Gesagt, getan! Der Vorfuss landet stabil auf der schrägen Ebene, der Mittellfuß gleicht den Neigungswinkel locker aus, die Ferse bleibt einigermaßsen senkrecht stehen. Jetzt das gleiche Szenario im Sportschuh. Die steifen Sohlen aller getesteten Modelle beeinträchtigen – trotz Torsionsmechanik und dergleichen – das natürliche Drehvermögen zwischen Vor- und Rückfuß. Mit anderen Worten: Der Sportschuh erzwingt das Mitdrehen der Ferse. Neue Versuchsanordnung: diesmal erfolgt die Landung auf topfebenem Boden, getestet wird die seitliche Stabilität der Sprunggelenke – zuerst barfuß, dann wieder im Sportschuh. Das Fazit: Das seitliche Abknicken und damit die Gefahr von Bänderzerrung und Bänderrissen ist barfuß geringer als in Sportschuhen. Die Bilder belegen dies eindrücklich (mit freundlicher Genehmigung von A. Stakoff, ETH Zürich).

Jeder Markenschuh hat sein Geheimrezept für optimale Stossdämpfung – Schaumstoffpolster, Gel- oder Luftkissen. Ist ist schon richtig: Beim normalen Gehen prallt der Fuß Schritt für Schritt auf den Boden. Dabei entstehen Schockwellen, die sich mit Geschwindigkeiten von über 100 km/h durch den Körper fortpflanzen. Negative Auswirkungen auf Knie- und Hüftgelenke werden vermutet. Ein Forscherteam aus Berlin (2) ist der Frage nachgegangen. Die bahnbrechende Erkenntnis: Eine super-weiche Stoßdämpfung bewirkt reflektorisch eine härtere Landung. Auf den zweiten Blick schon fast logisch. Wie würden Sie barfuss auf Beton laufen? Reflexartig würden Sie Ihre Füße weich aufsetzen, oder? Auf einem Moosteppich hingegen würden Sie den Schongang raus nehmen, Ihre Füße würden automatisch mit vermehrter Intensität auf dem Boden aufprallen. Mit anderen Worten: Das menschliche Zentralnervensystem braucht eine bestimmte Intensität, um zu wissen wo der Boden ist. Reflektorisch steuert das Gehirn die Aufprallintensität auf einen individuell voreingestellten „Sollwert“. Das Fazit der Forscher: Die einzige wirklich effiziente Stoßdämpfung besteht im Erlernen einer weichen Gangart. Nur der Wandel vom Elefantentritt zum Raubkatzengang verspricht Leichtfüßigkeit und Gelenkschonung.

Warten Sie nicht darauf, bis die Schuhindustrie reagiert und die Sportschuhe durch ein neues Material mit lederähnlichen Eigenschaften revolutioniert. Achten Sie beim nächsten Sportschuhkauf auf Sohlen, die das weiche Bodengefühl eines Panthers ermöglichen. Die Sportschuhe der Zukunft werden elastisch-flexible und deutlich dünnere Sohlen aufweisen.


Literaturhinweise:

  • Robbins S: Foot position awareness in younger and older men: the influence of footwear sole properties. J Am Geriatr Soc 1997 January; 45(1):61-6.
  • Bergmann G, Kniggendorf H, Graichen F, Rohlmann A: Influence of shoes and heel strike on the loading of the hip joint. J Biomech 1995 Jul; 28(7): 817-27

Dr. med. Christian Larsen
Januar 2005