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Rubrik: Medizin


Ärztedemo: Warum ich am 1. April in Bern mit dabei bin


Die Grundversorger gehen auf die Straße und lösen in Bevölkerung und  Medien eine Welle des Verständnisses  aus. Was ist los mit den Schweizer Grundversorgern? Ein Statement von Dr. med. Christian Larsen – am 1. April mit in Bern.

Die aktuellen Titelgeschichten von NZZ, Facts und Weltwoche künden die geplante Grossdemo der Weisskittel vor dem Bundeshaus in Bern an, der Hausarzt ist neu auf der Watch-Liste der vom Aussterben bedrohten Spezies. Im Jahre 2020 werden in den USA 200´000 Ärzte und viermal so viele Krankenschwestern und Pfleger fehlen (NZZ 15.03.06). In der Schweiz sehen die Perspektiven nicht besser aus: 90% aller medizinischen Probleme werden durch die Grundversorger gelöst – durch Allgemeinpraktiker, Internisten und Kinderärzte. Hausarzt werden ist inzwischen nicht mehr attraktiv. Gerade noch 4% der Studienanfänger in Basel wollen Hausärzte oder Hausärztinnen werden. Vier Prozent! Wen wundert’s! Es gibt keine Fakultäten für Hausarztmedizin an den Unis, den Generalisten bleiben höhere Weihen und Verdienste verwehrt.

Dafür erwartet sie viel Arbeit (50-80 Stunden pro Woche) und weniger Kompetenz. Diese wird systematisch beschnitten. Sachbearbeiterinnen „entscheiden“ ob, wann und wo bei Frisch-operierten eine stationäre Rehabilitation übernommen wird oder nicht. Bei Absagen helfen weder Privatversicherung noch medizinische Argumente. Der Arzt war vielleicht mal Befehlshaber, heute ist er Befehlsempfänger. Zudem schwindet das Image – frei nach dem Motto „Ein Spezialist weiss von immer weniger immer mehr, bis er am Schluss von Nichts alles weiss.“ Für den Hausarzt gilt analog umgekehrt: „Ein Generalist weiss von immer mehr immer weniger, bis er am Schluss von Allem nichts weiss“. Und die Löhne der Grundversorger sinken: Minuten-Leistungstarife dank TarMed, jüngere Ärzte bekommen keine Kredite, ältere Ärzte finden keinen Nachfolger, Praxen gehen in den Konkurs. Ah ja, und dann ist da noch der Fortbildungszwang. Nichts gegen permanente Fort- und Weiterbildungspflicht im Sinne der Qualitätsverbesserung... aber Fortbildungszwang in den industriellen Tretmühlen erhöhter Blutdruck-, Zucker- und Cholesterinwerte – nein Danke!

Warum ich als Arzt und als Leiter des Spiraldynamik Med Centers in Zürich am 1. April auf dem Bundesplatz stehe? Ich liebe meine Arbeit und möchte dass es so bleibt! Ich liebe die partnerschaftliche Entscheidungsfindung zusammen mit dem Patienten und wehre mich gegen administrative Bevormundung. Ich nehme mir Zeit für Krankengeschichte, Untersuchung und Beratung und sage Nein zur Fünf-Minuten-Medizin. Ich setze mich für Datenschutz und Patientengeheimnis ein und wehre mich gegen dessen Durchlöcherung im Namen statistischer Wirtschaftlichkeitsprüfung. Ich demonstriere für den Erhalt einer hochwertigen kostengünstigen und ärztlichen Grundversorgung. Ich demonstriere für mehr Ehrlichkeit, mehr Wettbewerb und neue Finanzierungsmodelle im Gesundheitswesen. Eines ist sicher: Ohne engagierte und entscheidungsfähige Grundversorger sieht es schlecht aus. Sie sind es, die Gesundheit fordern und fördern: Prävention statt Therapie, Bewegung statt Bypass, Eigenverantwortung statt Fremdversorgung, Relevanz statt Evidenz, Menschlichkeit statt Wirtschaftlichkeit. Diese Dimensionen des ärztlichen Handelns werden mit den Hausärzten aussterben: „Geht es ihnen schlecht, fehlt uns allen was“, titelt die Weltwoche zu Recht.

Christian Larsen

28. März 2006

 




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