Rubrik: Portrait
Prof. Dr. Felix Gutzwiller: Gesundheitspolitiker und ein bisschen Kassandra
Alle Menschen müssen befähigt werden, ihr gesundheitliches Potential ausschöpfen zu können, sagt Nationalrat Felix Gutzwiller. Damit trifft er ins Schwarze – und in das Wespennest gesundheitspolitischen Spardrangs.
Auch im Gesundheitswesen gilt: Befähigen heisst Bilden, und Bildung kostet. Geld für Gesundheitsförderung fehlt weitgehend, weil die Krankenkassenprämien für Krankheitsbekämpfung eingesetzt werden müssen. Patentlösungen kennt auch der Arzt und Nationalrat Felix Gutzwiller nicht. Aber er nennt die Probleme beim Namen und lebt aktiv, was er mündlich fordert: Eigenverantwortung.
Herr Dr. Gutzwiller, Sie erwarben bereits 1975 den Master of Public Health, zu einer Zeit, als man das in der Schweiz noch nicht buchstabieren konnte. Warum?
Schon im Medizinstudium ging mir auf, dass Gesundheit nicht nur ein individuelles Thema ist, sondern auch stark von den sozioökonomischen Rahmenbedingungen einer Gesellschaft abhängt.
Was konkret brachte Sie zu dieser Einsicht.
Als Medizinstudent lernte ich ein Gesundheitsprojekt der WHO in Sumatra kennen. Mir war rasch klar, dass die dort entstandenen Einsichten auch für Industrieländer richtig waren. Ich suchte nach einer adäquaten Weiterbildung. Danach war ich sicher, dass das Thema „Medizin, Gesundheit und Gesellschaft“ eines der zentralen Themen auch im Westen werden würde.
Schlagwort Eigenverantwortung: Verantworten kann man nur, was man im Griff hat und kennt. Können Krankenkassen Gesundheits-Kompetenz an den Einzelnen delegieren, ohne sich um die Vermittlung des Wissens aktiv und zahlend zu kümmern?
Unter den demographischen Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts ist es völlig klar, dass wir alle eine grundsätzlich andere Einstellung zur persönlichen Gesundheit haben sollten. Nicht nur im finanziellen Interesse: Die zusätzlich gewonnenen Lebensjahre sollen ja auch qualitativ befriedigend gelebt werden können. Auch die Partner im Gesundheitswesen, Ärzte und Versicherer, sollen mitwirken: Alle Individuen müssen befähigt werden, ihr gesundheitliches Potenzial auch wirklich auszuschöpfen.
Wo erhält man Ihrer Meinung nach die beste Unterstützung im unüberschaubaren Dschungel von Empfehlungen, Trends und Behauptungen?
Es gibt heute in der Tat sehr viele Quellen zur Information. Leider fehlen überzeugende Qualitätslabels, auch wenn unter dem Stichwort „Gesundheitskompetenz“ zunehmend Qualität produziert wird. Gute Informationsquellen sind die Gesundheitsligen, Fachgesellschaften oder auch allgemeine Sites der Gesundheitsförderung wie z.B. www.gesundheitsfoerderung-zh.ch
Warum wird Bewegungsqualität noch so verkannt? Bereits im Schulunterricht wird Bewegung fast ausschliesslich mit Stoppuhr und Messband gemessen. Viel statt sinnvoll.
Das stimmt. Anderseits muss es sich auch nicht ausschliessen. Viel gute Bewegung wäre das Ideal. Aber das Problem beginnt schon viel früher: Viele Kinder entwickeln heute gar kein wirkliches Bewegungsgefühl mehr. Da wird viel zu oft im Elternhaus aber auch in den frühen Schuljahren viel verpasst. Es fehlt immer noch am Wissen der Beteiligten.
Zum Beispiel?
Nehmen Sie das Paradebeispiel: Die Ausbildung der Mediziner. Da ist kaum von Gesundheit und Bewegung und schon gar nicht von Bewegungsqualität die Rede. Dieser Zusammenhang ist vielen Profis noch nicht bewusst.
Dann liegen wir mit unserem Kongress zum Thema Bewegungsintelligenz also goldrichtig?
Das Kongressthema liegt nicht nur goldrichtig, sondern ist auch überfällig, weil es bisher viel zu wenig diskutiert wurde.
Obschon Ihre Agenda proppenvoll ist, treiben Sie regelmässig Sport.
Mir wurde Bewegungsfreude in die Wiege gelegt und von allem Anfang beigebracht. Meine Mutter war sehr sportlich. Bewegung gehörte und gehört einfach dazu.
Da gibt es also gar keinen innerer Schweinehund?
Natürlich gibt es den, aber er ist leicht zu überwinden, weil ich mich ohne Training einfach unwohl fühle. Da hat er längerfristig keine Chancen.
Mehr zu Felix Gutzwiller: www.felix-gutzwiller.ch >>
Zu Gesundheitsförderung ZH: www.gesundheitsfoerderung-zh.ch >>
Bea Miescher
20.August 2007
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