Spiraldynamik ist die Kunst und Wissenschaft der anatomisch richtigen Bewegung
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Rubrik: Portrait


Prof. Dr. Rolf Pfeifer: Künstlicher Intelligenz auf der Spur



Er wird schon mal „Guru der Robotik“ genannt: Der Uni Professor Dr. Rolf Pfeifer ist weltführend in Forschung und Entwicklung rund um die Themen künstliche Intelligenz. Anlässlich des Spiraldynamik Kongresses am 10. November wird er als Hauptreferent im Kongresshaus Zürich zu hören sein.

Spätestens seit „Starwars“ und „Nummer 5 lebt“ regen Roboter unsere blühendste Phantasie an. Wie weit ist die Forschung heute? Wo sind die Grenzen und wie groß ist die Gefahr, dass sich künstliche Intelligenz plötzlich verselbständigt? Dem Laien stellen sich tausend Fragen aufs Mal. Professor Rolf Pfeifer, weltweit anerkannter Experte für Künstliche Intelligenz und „Embodiment“, also wie Körper und Denken zusammenhängen, beantwortet  einige dieser Fragen – und öffnet gleichzeitig das Tor zu einer Zukunft, die in der Forschung längst begonnen hat.

Professor Pfeifer, Ihr „Hund“, den Sie in der Talkshow Aeschbacher im April vorführten, ist in der Lage, seine Wahrnehmungen zu vernetzten, sich einzuprägen. Kann man das bereits als Denk und/oder Lernprozess definieren?

Das Verhalten des Roboters ändert sich entsprechend den Umweltsituationen, die er angetroffen hat. In diesem Sinne handelt es sich bei unserem „Hund“ klar um Lernen. Man muss allerdings immer etwas vorsichtig sein: Es gibt sehr viel verschiedene Arten von Lernen, bewusst und unbewusst.

Auf jeden Fall benötigt es einen „Denkprozess“ - ab wann ist das möglich für einen Roboter, eine Existenz?

Denken ist nicht eine Eigenschaft, die entweder vorhanden ist oder nicht. Sie ist im Verlaufe der Evolutionsgeschichte graduell entstanden. Können Insekten denken? Vermutlich nicht, obwohl sie sehr wohl lernen können, wie das etwa von Bienen bekannt ist. Wie steht es mit Ratten? Schon eher. Und mit Schimpansen? Die können sogar Symbole lernen, sind also bereits näher beim Denken. Können Babies im Alter von zwei Wochen denken? Hmm -  schwer zu sagen. Sie können weder reden noch wissen sie, was Demokratie bedeutet, und sie können keine mathematischen Beweise führen. Denken entsteht also ebenfalls graduell während der ontogenetischen Entwicklung, also von der Eizelle bis zum erwachsenen Organismus.

Wie definiert sich denn „Denken“?

Ob man etwas als Denken oder Intelligenz bezeichnen soll, ist keine besonders interessante Frage, da man immer Argumente dafür und dagegen angeben kann. Die viel produktivere Frage ist: Warum funktioniert etwas? Wenn wir ein Verhalten beobachten, das mich interessiert, zum Beispiel das Erkennen eines Gesichtes in einer Menschenmenge oder
– z.B. für eine Ameise — den Weg zurück zum Nest zu finden, dann versuchen wir zu verstehen, wie und warum das im individuellen Fall funktioniert.

Ein „echter“ Roboter muss also nicht nur klug programmiert sein, sondern neue Infos in einem neuronalen Netz verarbeiten und sich den Resultaten anpassen können – eine “Wenn – Dann“-Leistung vollbringen?

Der Punkt ist, dass das Programm bei einem Roboter oder das Gehirn beim Menschen nicht das Einzige ist, was wichtig ist. Die Steuerung ist im gesamten Organismus verteilt, in der Morphologie, d.h. in der Form, der Anatomie: Was für Sensoren sind vorhanden, wo sind sie auf dem Organismus platziert? Welches sind die Materialeigenschaften bezüglich Elastizität des Muskel-Sehnensystems, im Gehirn und in der Interaktion mit der Umwelt? „Wenn-Dann“ hört sich so nach logischen Regeln an – ich würde das anders sagen. Aber das mit dem Lernen ist wichtig. Ebenfalls wichtig ist die Tatsache, dass wir dem Roboter nicht sagen, was er lernen soll – wir sagen ihm nur, er soll Assoziationen lernen.

Zum praktischen Alltag: Vor allem kranke und behinderte Menschen können bereits heute von High-Tech-Prothetik profitieren. Wie nahe sind wir an Roboter-Armen und -Beinen? Wagen Sie hier Prognosen in Jahren?

Gute Prothesen gibt es bereits heute. Das Problem ist noch beim Interfacing Mensch-Maschine. Ich erwarte wesentliche Fortschritte in den nächsten fünf bis zehn Jahren.

Wann und wo werden Ihrer Ansicht nach die ersten ethischen Konflikte entstehen? Ich denke, das passiert wesentlich vor der Inbetriebnahme des Terminators…

Das kann so nicht beantwortet werden: Es gibt kein „Entweder – Oder“.  Es ist eine kontinuierliche Entwicklung, die ebenso kontinuierlich Fragen aufwirft.
Vermutlich sollte man hier unterscheiden zwischen juristischen Fragen wie zum Beispiel Haftung, und ethischen Fragen. Haftungsfragen haben wir schon heute mit allen Arten von Technologie. Ethische Fragen stellen sich sicher bei Kriegsrobotern, obwohl es Selbstschussanlagen schon lange gibt, also Anlagen, die selbsttätig entscheiden ob und auf was geschossen werden soll.
Ethische Fragen stellen sich auch bei der „Cyborg-Technologie“, wo Mensch und Maschine irgendwie gekoppelt werden. Prothesen gehören in diesen Bereich. Das ist  unproblematisch, solange es sich um Arme und Beine, und nicht um „Gehirnteile“ handelt. Aber auch da sind wir weiter: An der University of Tokio wurden einer Küchenschabe Elektroden ins Gehirn implantiert, die dann mit einem Joystick kontrolliert werden konnten -  links, rechts, geradeaus. Das möchte vermutlich niemand bei Menschen – eine klare ethische Fragestellung.

Können Roboter künftig ein „Bewusstsein“ entwickeln?

Mit steigender Intelligenz ist eine Form des Bewusstseins zu erwarten: Dies ist das Problem, das die Koreaner mit ihrer „Charta“ jetzt ansprechen. Hier geht es dann eher um die Rechte der Roboter selbst. Eine Fragestellung, die ich allerdings beim jetzigen Stand der Technologie für absolut verfrüht halte. Die Diskussion weckt falsche Ängste und sollte meines Erachtens vollständig vermieden werden. Gentechnologie und Cloning stellen wesentlich aktuellere und dringlichere ethische Probleme dar.

Bea Miescher
20. Juni 2007



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