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Rubik: Portrait

Heidi Höppner: Salutogenese am Beispiel Krankenpflege


Wer gesund wird oder bleibt hat dies auch  inneren Einstellungen und Strategien zu verdanken. Was und wie viel das berufliche Umfeld dazu beitragen kann, erforschte Prof. Dr. Heidi Höppner in ihrer Doktorarbeit am Berufsfeld Krankenpflege.

Prof. Dr. Heidi Höppner gehört zu jenen Köpfen in Deutschland, die sich intensiv mit dem  Thema Salutogenese auseinander gesetzt haben. Ihr Buch über Gesundheitsförderung bei Pflegepersonal in Krankenhäusern hat über die Landesgrenzen für Aufsehen gesorgt. „In der Wissenschaft wurde es ,verglichen mit dem grossen Echo bei Praktizierenden, weniger wahrgenommen,“ stellt die Professorin für Physiotherapie an der Fachhochschule Kiel lakonisch fest. Kein Wunder, die Wissenschaft erforscht Krankheit und deren Bekämpfung. Höppner geht die Sache ganz anders an: Sie erforscht Gesundheit und die Faktoren, die ihr förderlich sind. Am potentiellen  Burn-out-Beruf der Krankenschwester definierte Höppner fünf Typen „Gesunder Krankenschwestern“. Ein Interview mit einer Wissenschafterin, die mehr Verständnis und Massnahmen für gesundes Personal fordert und fördert:

Frau Professor Höppner, wie gingen Sie Ihre Doktorarbeit an?

Als Gesundheitswissenschaftlerin und Physiotherapeutin habe ich vorerst danach gefragt, wie es er­werbstätigen Frauen in der Krankenpflege gelingt, selbst gesund zu bleiben. Dazu wurden Interviews und Gruppendiskussio­nen mit Frauen durchgeführt, die teilweise seit über 20 Jahre und länger als Krankenschwestern arbeiteten.

Sind diese Frauen speziell gefährdet?

Ja, offensichtlich und statistisch erwiesenermaßen: Die Frauen üben ihren Beruf unter problematischen Arbeitsbedingungen an  typischen Frauenarbeitsplätzen aus. Die Nähe zum Patienten, die hands-on-Arbeit, lässt kaum Distanz und Reflexion zu. Zudem arbeiten sie in Krankenhäusern, die unter starkem wirtschaftlichen Druck stehen. Anforderungen der  modernen Medizin bieten zeitlich kaum  Freiräume für die eigentliche Pflegearbeit. Subjektiv als sinnvoll erlebte Pflegearbeit wird jedoch von vielen Frauen als große Ressource für die eigene Gesundheit angesehen. Es ist für die Frauen wichtig, sich zu einem bestimmten Grad mit der Arbeit identifizieren zu können. Dann wird auch Anstrengung positiv bewertet: wenn man mit dem Ergebnis zufrieden ist.

Wer bleibt in diesem Umfeld gesund?

Es entstanden fünf Typen „Gesunder Krankenschwestern“: Typ 1, die Professionelle Pflegekraft; Typ 2 die Ausgleichende Traditionalistin; Typ 3 die Pragmatische Teilzeit-Schwester; Typ 4 die Engagierte Kämp­ferin und Typ 5 die Bilanzierende Aussteigerin.

Wodurch bleiben diese Frauen gesund?

Ich nenne jetzt sehr verkürzt ein paar Charakteristika. Wenn Sie es ausführlicher wünschen, empfehle ich mein unten genanntes Buch zum Thema: Typ 1 fällt auf durch Aufgeschlossenheit für strukturelle Veränderungen, durch Selbstbewusstsein und   Fachkompetenz. Sie versteht sich als im System handlungsfähig. Typ 2 hat ein hohes Maß an Selbstaufmerksamkeit und ein berufliches Gesundheitsverständnis eines Heil-Seins; eine moderne konfessionelle Pflegekraft könnte man sagen. Typ 3  fällt auf durch die erlebte Ressource, Familien- und Berufsorientierung zu vereinbaren und damit Ansprüche im Beruf und in der Karriere zu relativieren. Dies ist  Chance und Risiko von Teilzeitkräften. Nr. 4 kennzeichnet hohe soziale und fachliche Kompetenz, einen guten Überblick über Macht- und Entscheidungsstrukturen und über eine große Einsatzbereitschaft. Typ 5 relativiert Selbst- und Fremdansprüche. Sie zieht es in Betracht, den Beruf zu verlassen. Durch außerberufliche Aktivitäten gewinnt sie neue Orientierungen und wird – subjektiv erlebt -  nach Jahren des Aushaltens und des Kämpfens wieder handlungsfähig . Das kann eine Heilpraktikerausbildung oder sogar ein Studium parallel zur Tätigkeit als Krankenschwester sein.

Was kennzeichnet alle fünf Typen gemeinsam?

Diese Frauen fühlen sich nicht als Spielball. Sie erleben sich nicht reagierend auf Vorfälle und Begebenheiten. Sie sind eher pro- als reaktiv und haben ein  ausgeprägtes Kohärenzerleben.

Was bedeutet das genauer?

Ein hohes Kohärenzerleben wie es Antonovsky schildert setzt sich zusammen aus dem Verstehen der inneren und äußeren Vorgänge, einer Handlungsfähigkeit und einer Bewertung der eingesetzten Energie für etwas, was der Mühe wert ist. Er hält insbesondere die Dimension Sinnhaftigkeit bezüglich eines hohen Kohärenzgefühls für sehr bedeutend. Wir sind zwar selbst die Konstrukteure von Sinn in unserem Leben. Sinnkonstruktion hat jedoch immer eine gesellschaftliche Dimension. Was wird in einer Gesellschaft als sinnvoll erlebt und was nicht?

Haben Sie ein Beispiel?

Ein gutes Beispiel ist die aktuelle Situation von Müttern, die erwerbstätig sein wollen. Wie viel Familien- und wie viel Berufsorientierung darf es – sozial bewertet - bitte schön sein? Ein Slogan der Frauenbewegung zum Thema Karriere und Kinder lautete mal: Eins ist zu wenig – beides ist zu viel. 

Was fordern die Frauen in Pflegeberufen?

Das war etwas vom Erstaunlichsten: Die Frauen selbst nannten Maßnahmen, die vordergründig nichts mit gängiger betrieblicher Gesundheitsförderung, nichts mit Rücken-Schulungsprogrammen oder Ergonomie zu tun hatten. Es geht ihnen vielmehr um Hilfe im Umgang mit inneren und äußeren Konflikten. Es geht ihnen um die Stärkung funktionaler und emotional belastbarer aber auch ausgleichender Pflegeteams. Es geht ihnen um qualifizierte  Leitungskräfte im Krankenhaus. Gefragt nach Gesundheitsförderungsansätzen am Arbeitsplatz stehen Chancen der persönlichen und beruflichen Weiterentwicklung im Zentrum. Krankenschwestern sind beruflich teilweise sehr einseitig gefordert.  Über Aspekte gesundheitsförderlicher Arbeit in Krankenhäusern nachzudenken, wäre angesichts der wichtigen Ressource „Gesunde Krankenschwestern“ sowohl für die Patientenversorgung als auch aus ökonomischen Gründen von Vorteil.

Und das Fazit Ihrer Studien?

Förderung von Gesundheit muss grundsätzlich überdacht werden. Gesundheitsförderung  am Arbeitsplatz ist eine Dreiecksbeziehung zwischen persönlichem Lebensumfeld, der Situation am Arbeitsplatz und der persönlichen Energie und Tatkraft. Erkenntnisse der Frauengesundheitsforschung können uns hier weiterbringen. Daher habe ich einen frauenspezifischen Ansatz für Gesundheitsförderung gewählt. Die betriebliche Gesundheitsförderung hat geschlechtsspezifische Aspekte bislang kaum in Belastungs- und Ressourcen-Analysen sowie Umsetzungen aufgenommen. Diese neue Perspektive habe ich in meiner Arbeit aufgegriffen.

Heidi Höppner wurde 1960 in Schleswig Holstein geboren und 1982 zur Krankengymnastin ausgebildet. Seit den 80 Jahren arbeitet sie vorwiegend mit der Bobath- und Vojtamethode und war bis 2002 schwerpunktmäßig im Bereich der Pädiatrie und neurologischen Rehabilitation tätig. In den 90er Jahren studierte sie Soziologie und Gesundheitswissenschaften/ Public Health. Seit 2002 ist sie Professorin für Physiotherapie an der Fachhochschule Kiel. Ihre Promotion erschien  2004 zur  Gesundheitsförderung von Krankenschwestern:

Höppner, Heidi (2004): Gesundheitsförderung von Krankenschwestern Ansätze für eine frauengerechte betriebliche Praxis im Krankenhaus. Mabuse Verlag Frankfurt.

Bea Miescher

22. August 2005

 

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