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Rubrik: Publikationen
Jede Zeitschrift, jeder Modekatalog und die ganze Sportszene kümmern sich neuerdings um die Verkümmerten. Das grosse Tamtam um die Füße und was Aschenputtel angerichtet hat. Der vierte Flip-Flop-Sommer steigt. Was vor wenigen Jahren allenfalls verschämt in Badeanstalten oder an Stränden getragen wurde, ist nun in. Der Fuß mit fast gar nichts dran. Flip-Flops sind sogar Disco-tauglich, der nackte Fuß wird gehegt und gepflegt. Es ist ein Raspeln und Feilen, ein Peelen und Lackieren, ein Schmieren und Salben. Zehenringe, Brillanten und Fußkettche ergänzen den Auftritt. Endlich! Nach jahrzehntelanger Kerkerhaft sind die Füße frei! Wertgeschätzt und umsorgt. Männerfüße werden in high-getechten Sportschuhen luftgepolstert, dynamisiert und ventiliert. Der Sportschuh wird zum Kultobjekt. Das zwischen Kult und Kultur wahre Schluchten klaffen, belegt die ETH-Studie, die wir im Januar-Newsletter präsentiert haben (http://www.spiraldynamik.com/ns0020_medizin_20050118_sportschuh.htm ) – und auch die Frauenfüsse erhalten zwar Aufmerksamkeit, aber oft die Verkehrte: Seit „Sex and the City“ stehen die Damen in den USA bei Fuß-Chirurgen Schlange: Die Zehen werden gekappt, damit die Füße in die knallengen Schnabelschuhe im Carrie Bradshaw-Look passen. Neu ist das weibliche Geschnippel an den Füßen bei Leibe nicht, das kennen wir von Aschenputtel: „Ruckediguh – Blut ist im Schuh“ gurrten die Tauben schon vor Jahrhunderten, als der Prinz gleich zweimal die Falsche nach Hause führen wollte. Die bösen Stiefschwestern - auf grossem Fuße lebend - schnitten sich kurzerhand Zehen und Fersen ab, um in Aschenputtels Party-Schuh zu passen und so den Prinzen zu ergattern. Seither jagen Frauen den kleinen Füßchen nach. Der hohe Absatz lässt den Fuß noch kleiner erscheinen und die Auswirkungen nach oben sind einfach verblüffend: Der Unterschenkel wird angespannt und plastisch, das Becken muss den Schrägstand ausgleichen und kippt nach vorn, der Po nach hinten, die Brustwirbelsäule gleicht nach vorne aus und präsentiert jedes Decoltée trefflich. Was so einher getrippelt kommt, wirkt zweifelsfrei sehr feminin und untermauert das weibliche Klischee des schwachen Geschlechts. Die Kehrseiten sind durchaus schmerzlich. Durchgetretene Fussgewölbe, Schwielen, Hammer- und Krallenzehen, verdrehte Zehen und der bauchende Hallux valgus sind Zeugen jugendlichen Übermuts auf ungschicktem Schuhwerk. Warum Frau sich das antut, liegt auf dem Fuß: Heut soll und muss alles, wirklich alles sexy sein. Vom Tagesthema über Zahnbürsten bis zum Hundefutter. Schuhe und Füße stehen da ganz oben auf der Hitliste – seit jeher: In Osteuropa trinkt der Bräutigam den ersten Schluck Wein aus dem Schuh seiner Angetrauten. In China waren nur Frauen heiratsfähig, die Füße unter 20 Zentimetern Länge hatten. Je nach sozialem Status war so ein Fuss mehr oder weniger qualvoll zu bewerkstelligen. Ob Unfug oder Tradition – erfreulich und sinnvoll nutzbar ist die momentane Aufmerksamkeit für die Füße alleweil. Schön aus Spiraldynamik-Sicht: Kurse zum Thema Fuß sind die Meistgebuchten. Die Faszination für das untere Körperende ist groß wie nie, nicht nur bei Patienten, auch bei Fuß-bewussten Männern und Frauen jeglichen Alters. Grundtenor bei den Kursbesuchenden ist immer derselbe: „Warum hat mir das keiner gesagt?“ Die Antwort: „Weil man es bisher noch nicht wusste.“ Die geniale Konstruktion des menschlichen Fußes wurde neu entdeckt. Drehrichtungen, Gewölbearchitektur und Dreidimensionalität sind eine Entdeckungsreise wert: Richtig gehen, stehen und laufen verzeiht sogar teilweise High-Heels und andere Mode-Gags. Wissen und Eigenverantwortung sind die Schlüssel. Bea Miescher 20. Juni 2005
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