Spiraldynamik ist die Kunst und Wissenschaft der anatomisch richtigen Bewegung
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Rubrik: Bewegungslernen

Shaolin: Mönch Yan Bao am Spiraldynamik Kongress in Zürich



Eingebettet in ein Referat des Psychologen Ralph Wilms hat der König des Kung Fu zwei Demonstrationen seines Könnens gegeben: atemberaubend und nicht einfach zu verstehen. Eine Nachlese zwischen wissenschaftlicher Erklärung und östlichem Erfahrungswissen.

Zwei Speere, fixiert von zwei Männern. Die Speerspitzen direkt unter dem Zungenbein des Mönches. Mit voller Kraft springt er urplötzlich in die Bambusspeere hinein – ohne sich dabei zu verletzen. Die zweite Demonstration das scheinbar pure Gegenteil: Shi Yan Baos Tai Ji verkörperte ruhige Eleganz und gleichmäßigen Bewegungsfluss in Perfektion.

Die beiden Präsentationen waren eingebettet in den Vortrag von Ralph Wilms. Mitten im Referat fiel plötzlich der Strom aus. Bild und Ton waren weg. Wilms sprach ruhig weiter, laut und deutlich war er bis in die hintersten Reihen des großen Kongresssaals gut verstehen. Einem Teilnehmer lockt dies ein bewunderndes „Cool, wie der souverän reagiert“ hervor. Ein anderer meinte – etwas weniger positiv: „Wenn der schon über Energie spricht, muss er auch dafür schauen, dass der Strom nicht ausfällt.“ Ich habe mich im ersten Moment amüsiert, wie unterschiedlich doch die Filme sind, die bei jedem Einzelnen im Kopf laufen. Im Anschluss an den Kongress wurden die Demonstrationen von Yan Bao ähnlich kommentiert: „Das war etwas vom Eindrücklichsten, was ich je erlebt hab“, sagten die einen. „Wie soll ich so etwas in meiner Physiotherapie Praxis anwenden?“ fragten sich die anderen. Über die großen Unterschiede der Reaktionen nachdenkend, stellten sich mir* drei Fragen:

1. Wie funktioniert das, was der Shaolin Mönch da macht?
Beide Demonstrationen von Yan Bao haben mit Energielenkung zu tun – mit dem Qi der Chinesen oder dem KI der Japaner. Wir können diesen Begriff mit Energielenkung oder Energiefluss nur ungefähr umschreiben. Die westliche Wissenschaft hat derzeit weder Begrifflichkeiten noch Konzepte, um dieses Phänomen einzuordnen. Die Wissenschaft sucht nach einer kausalen Erklärung, will das Phänomen von Grund auf verstehen. Dem Asiaten ist die Entsprechung Erklärung genug: Materie ist Energie, Leben ist Energie, Bewegung ist Energie – alles Ausdruck des großen Lebensprinzips Qi. Das Reich der Mitte hat 4000 Jahre Erfahrung in der nutzenorientierten Anwendung.

2. Warum eine Shaolin Demonstration am Spiraldynamik Kongress?
Diese Antwort ist einfach: Wer einmal etwas gesehen hat, was gemäß Lehrbuch nicht existiert, wird dadurch offener, kritischer und vor allem neugierig – drei Kerneigenschaften einer forschenden Grundhaltung. Gleichzeitig unterstreicht das Phänomen – für Patienten, Therapeuten und Pädagogen – die Bedeutung des regelmäßigen und intelligenten Übens.

3. Welches sind die Hauptunterschiede westlicher und östlicher Pädagogik
?

Östliche Pädagogik: Der Meister hat es vorgemacht. Es hat funktioniert. Damit ist alles Wesentliche gesagt, weitere Fragen erübrigen sich meist, der Fokus ist jetzt auf die Umsetzung gerichtet. Gelernt wird durch

Imitation – Wiederholung - Übertragung

Zuschauen und Nachmachen stehen am Anfang des Techniktrainings. Es folgen endlose Wiederholungen. Mit der Zeit wird die Form beherrscht, das Qi beginnt zu fließen, die Fähigkeit, sich ökonomisch und effektiv zu bewegen, nimmt zu, Sensibilität und Timing präzisieren sich. Mit der Zeit können sich bestimmte Eigenschaften vom Lehrer auf den Schüler übertragen. Dies ist ein Kernelement der östlichen Pädagogik.
 
Westliche Pädagogik: Zuerst stellt sich mal die durchaus berechtigte Frage, wozu das Ganze denn gut sein soll. Es folgen:

Lernziele
Strategien
didaktisch-methodische Aufbereitung
Gegenstandskatalog
Erfolgsüberprüfung
usw.

Ein praktisches Beispiel: Wir würden von einem Lehrer/Meister erwarten, dass er uns genau erklärt, was er tut, um das Qi fließen zu lassen. Dass er uns beispielsweise zeigt, wie er ganz langsam seinen Körperschwerpunkt senkt und etwas in die Knie geht, um so die Streckerkette im Bein exzentrisch vorzudehnen und Spannkraft zu gewinnen. Weitere Fragen wären programmiert: Wie lässt er den Atem ruhig fließen? Wie genau lässt er sein Qi ansteigen? Wie und warum tut er dieses oder jenes oder eben nicht?

Fazit:
Aus meiner persönlichen Sicht ist die westliche Wissenschaft stark in der Forschung, die östliche Empirie stark in der Übungspraxis. Glück hat, wer beide Wege kennt. So gesehen überrascht es nicht, dass heute im Osten nach westlichen Kriterien geforscht wird und umgekehrt, asiatische Praktiken im Westen wachsende Verbreitung finden.

Vielleicht ergibt sich nächstes Jahr die Möglichkeit, das Tai Ji Training mit Yan Bao fortzusetzen und zu vertiefen? Vielleicht sogar ohne psychologische Erklärungen? Für den westlich geprägten Menschen kann es überaus spannend sein, bewusst mit dem östlichen Lernansatz „Imitation, Repetition und Übertragung“ zu experimentieren.

Interessenten für einen Folgekurs mit Shi Yan Bao im Frühjahr oder im Herbst 2008 melden sich bitte unverbindlich in der Spiraldynamik Akademie unter info@spiraldynamik.com

*Dr. med. Christian Larsen praktizierte zwanzig Jahre Aikido und leitete während zehn Jahren ein eigenes Dojo. Er lebte ein halbes Jahr in China und ein Jahr in Japan.

Mehr zu Yan Bao:
http://www.spiraldynamik.com/ns0070_portrait_200707_yanbao.htm

Dr. med. Christian Larsen
18. November 2007




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