Rubrik: Medizin
Ars Medici: Panikgeschäft
Ars Medici – die Kunst Arzt zu sein – lautet der Titel der beliebten Schweizer Fachzeitschrift für praktizierende Mediziner. Hier wurden wir fündig: Ein kluges Editorial das die Sache beim Namen nennt und aus der Seele spricht. Es geht ums Geschäft, ums grosse Geschäft, um das Geschäft mit der Angst. Lesen Sie selbst, was Halid Bas, Arzt und Redaktor von Ars Medici zu sagen hat.
Wer glaubte, dass die Bedrohung durch SARS nur eine einzelne Episode übertriebener Besorgnis, die Vogelgrippe bloss ein aufgeblasener Medienevent und die weltweite Terrorismusgefahr in erster Linie ein Vorwand für einen sinnlosen Angriffskrieg war, sieht sich dieser Tage eines Besseren belehrt.
Thomas Zeltner und seine Mannen vom Bundesamt für Gesundheit wünschen uns einen überaus stattlichen Notvorrat von 50 Gesichtsmasken pro Person in die Badezimmerapotheke, denn die Pandemie (ob gewöhnliche, neue Grippe oder ein Vogelgrippederivat) kommt nach seiner Überzeugung bestimmt.
Armeechef Christophe Keckeis sieht die Schweiz derweil vom Terror bedroht: «Wir müssen damit rechnen, dass sich ein Anschlag ereignet, ja ich bin sicher, dass er passieren wird.»
Aber eigentlich ist die Liste «hochaktueller» Bedrohungen noch viel länger. Unendlich lang: Raucher bedrohen Nichtraucher, humane Papillomviren (S. 524) und FSME-Viren praktisch alle, die sich nicht mit den neuen Vakzinen impfen lassen, Dicke wegen der absehbar hohen Krankheitskosten den obligatorisch versicherten Sozialkörper als Ganzen, Elektrosmog die besonders Empfänglichen, Feinstaub möglicherweise Kinder, Frauen und auch Männer, Nahrungsmittelzusätze ebenso, Gentechnologie nicht nur den Menschen, sondern die Natur überhaupt, von der Kerntechnologie nach dem Wiederaufleben der Forderung nach neuen Atomkraftwerken ganz zu schweigen.
Gemeinsam scheint all diesen Bedrohungen zu sein, dass sie den Körper beschädigen könnten – und die Angst davor das Gemüt. Vorbei die Zeiten einer gewissen Unbeschwertheit und Zukunftsgläubigkeit, die werden heute als Fehltritte und Auslaufmodelle einer Generation bezeichnet, die aus weltanschaulichen Gründen zu allerhand Drogen nicht Nein sagen wollte, auch wenn sie sie nur selten auch selbst konsumierte.
Und das Resultat der heutigen Entwicklung? Eine Art mentalen Belagerungszustands, wie ihn die Älteren aus den Zeiten des Kalten Krieges mit den Notvorräten an Öl, Mehl und Waschmitteln noch kennen.
Aber gegen viele der Bedrohungen steht – wundersam – sogleich Abhilfe bereit: Medikamente, Impfstoffe, Gesichtsmasken und Verbote.
Womit wir bei der Frage wären, wem die Panikmache eigentlich nützt. Ohne ins Detail zu gehen, ist erkennbar, dass die Panikmache den Drang einer Minderheit nach Geld oder Macht auf recht direktem Weg zu befriedigen vermag. Wer nicht sehen mag, dass eine Mehrheit, die sich gegenüber den wirklich wichtigen Entscheidungen von Wirtschaft und Politik als zunehmend ohnmächtig und benachteiligt erfährt, für das Belagerungsszenario und seine angeblichen Auswege besonders empfänglich ist, kann sich die Gesichtsmaske gleich über die Augen ziehen.
Halid Bas
30. Mai 2007
Mit freundlicher Genehmigung ARS MEDICI 11/2007. 521 >>
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