PortrÄtsEr ist seit 1995 wissenschaftlicher Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften. Udo Pollmer serviert Ihnen (w)irre Delikatessen aus den Gesundheitssektoren Ernährung und Bewegung, wahlweise zum Genuss oder Verdruss.
„Esst endlich normal“, „Lexikon der Fitnessirrtümer“ und „Prost Mahlzeit“ heißen seine Bücher. Sie haben alle über Deutschland hinaus für Aufsehen und Aufregung gesorgt. Und der Mann hat wirklich etwas zu erzählen: Udo Pollmer polarisiert: Wo er auftritt, scheiden sich die Geister. In der Regel teilt sich sein Publikum nach kurzer Zeit in begeisterte Anhänger hüben und entsetzte Gegner drüben. Das eine ist ihm so recht wie das andere. Denn er liebt die Skepsis, wittert hinter Studien und Statistiken handfeste wirtschaftliche Interessen oder Machtgelüste und geht ihnen als Wissenschaftler und Lebensmittelchemiker kompromisslos auf den Grund. Was Obelix für die Römer, ist Pollmer für die Ernährungsexperten: Ein Grund zum Zittern. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, spricht schnörkellosen Klartext. Blicken Sie mit Udo Pollmers Augen auf unsere Ess- und Fast-Gesellschaft. Eine Delikatesse!
Nachgehakt und losgepollmert
Herr Pollmer, es gibt Leute, die Sie fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Was sind das für Menschen?
Wessen Lebensgefühl vom Kalorienzählen abhängt, wer seinen Tag mit dem morgendlichen Wiegen auf der Badezimmerwaage beginnt, der kann da schon mal Probleme mit der Freiheit kriegen. Es ist also kein Wunder, wenn gerade Ernährungsberater empört sind.
Wie das? Gerade die sollten sich für ein entspanntes Verhältnis zum Essen stark machen.
Die Ernährungsdiskussion ist – als Folge der ganzen beliebigen Ernährungsempfehlungen – aus dem Ruder gelaufen und zur Volkskrankheit geworden. Davon profitiert der ganze Berufsstand. Je größer die Verunsicherung der Menschen, desto höher der Sozialstatus der Hohepriester.
Trotzdem: Die Leute werden immer dicker. Von nichts kommt nichts.
Seltsamerweise wissen die meisten Menschen, daß Diäten dick machen, Stichwort Jojo-Effekt. Viele sind vom Kalorienzählen dick und dicker geworden. Und schon machen sie die nächste Diät und zählen wieder Kalorien. Nicht das Essen, sondern das Hungern macht dick.
Wie soll das energetisch aufgehen?
Der Körper verfügt über viele Möglichkeiten, Energie zu sparen oder überschüssige Energie zu verpulvern. Wenn Sie Energie sparen, dann vermindert der Körper die Durchblutung von Armen und Beinen. Das senkt die Wärmeabstrahlung. Wer ständig kalte Füße hat, ist eben ein Energiesparmodell. Da die inneren Organe aber stets auf 37 Grad gehalten werden müssen, wird der Bauch besser isoliert. Das spart wieder Energie. Es gibt zahllose Gründe für Gewichtsänderungen, aber wir haben uns ins Essen verbissen.
Welche Ziele verfolgen denn all die Alarm schlagenden Ernährungsberater?
Es werden zig Milliarden Euro mit der Angst vor der wärmenden Speckschwarte umgesetzt. Da sind die Machtspielchen nicht weit: Wer anderen vorschreiben kann, was sie zu essen haben, was sie trinken dürfen, welchen Lebensstil sie einzuhalten haben, stellt sich über sie. Wer als „Kunde“ den ganzen Tag darüber nachdenken darf, ob sein Appetit, sein Schlaf und sein Durst auch „richtig“ sind, der ist Gefangener in einem Netz unsichtbarer Fäden, die sein Leben allmählich mehr einschränken als die eines Sklaven.
Aber schlanke Menschen leben länger – wäre das nicht ein wünschenswertes Ziel?
Wir wissen alle, woran dicke Menschen eines schönen Tages sterben dürfen: an Herzinfarkt, Diabetes usw. Wenn die Dicken an diesen Krankheiten sterben, frage ich mich, woran die Schlanken eines trüben Tages sterben müssen. Bis heute konnte mir diese Frage noch kein Arzt beantworten, keine Studie, keine Statistik. Daran sehen Sie, daß hier irgendetwas nicht stimmt.
Was raten Sie nun dem verwirrten Leser?
Essen Sie doch einfach, was Ihnen bekommt. Unbekömmliches kann nun mal nicht gesund sein.
Bea Miescher
31. August 2008





