Musikertherapie: „Frau Daniel, ich muss Sie küssen!“
Spiraldynamik News Archiv Bewegungslernen | Mit Spiraldynamik lässt sich der Körper von Kopf bis Fuß stimmen wie ein Instrument. Für Musiker, die ihren Körper durch stundenlanges Üben oft einseitig belasten, wird Musikmedizin und Therapie zum wichtigen Faktor in der Karriere.

Bewegungslernen Mit Spiraldynamik lässt sich der Körper von Kopf bis Fuß stimmen wie ein Instrument. Für Musiker, die ihren Körper durch stundenlanges Üben oft einseitig belasten, wird Musikmedizin und Therapie zum wichtigen Faktor in der Karriere.

Milena Daniel, Chef-Physiotherapeutin Spiraldynamik in Zürich, therapiert seit Jahren Musiker. Sie kennt die individuellen Beschwerden und die spezifische Therapie. Sie schildert drei typische Beispiele:

Bei Bläsern spielt das Gewicht des Instrumentes eine Rolle. Das kann zu Verspannungen vor allem im oberen Rücken und im Schultergürtel führen. Zudem wird die Überbeanspruchung der Mundmuskulatur oft mit der Kiefermuskulatur kompensiert.

Bei Streichern - beispielsweise Geige und Viola – sind Kinn und Schulterstützen von nicht zu unterschätzender Bedeutung – und natürlich der linke Arm und die linke Schulter, auf denen das Instrument ruht. Knackpunkt dabei ist die Haltung des Oberarms: Natürlicherweise rotiert er tendenziell nach innen – in der Spielhaltung hat er eine ständige Außenrotation – stundenlang und in dynamischer Bewegung. Das bedeutet Alarm für das Schulterblatt, das nicht mehr auf dem hinteren Thorax liegt, sondern durch die Außenrotation des Oberarms nach vorne oben gezogen wird. Schultergürtelprobleme sind programmiert.

Bei Pianisten stehen die Schulter-Rückenproblematik, Epiconylitis (Entzündung des Ellenbogens im Bereich der Sehnenansätze des Unterarms), Sehnenscheidenentzündungen und Karpaltunnelsyndrom im Zentrum. Je früher solchen Beschwerden eine kluge Therapie und neue Bewegungsabläufe entgegengesetzt werden, umso besser – für das Wohlbefinden, für Übungseffizienz, Tonqualität, für die Karriere und für die Zeit danach.“

Therapieansätze: Den Körper als ganzes Instrument verstehen

Im Zentrum der Therapie steht die Gesamtkörper-Koordination: Kleine Abweichungen entwickeln über Jahre intensiven Übens ganze Rattenschwänze von unerfreulichen Folgen.In der Praxis fängt Milena Daniel oft gar nicht dort an, wo es weh tut: „Wir fangen meist unten an, bei Füßen und Beinachsen: Die Basis muss stimmen – denn die Konzentration ist meist oben, bei Kopf und Instrument. Der „Rest“ des Körpers geht oft ein bisschen vergessen. Wir arbeiten an der Standfestigkeit – Fußbelastung, Aufrichtung des Beckens, Außenrotation in den Oberschenkeln, Zentrierung des Beckens.“ Grundsätzlich gilt: Stabilisierung unten, Flexibilität oben – denn letztere fehlt oft durch die einseitige Haltung – die Geige kann schließlich nicht einfach in der Halbzeit rechts geschultert werden, so zur Abwechslung...

“Danach geht es an die Schulter-Armproblematik: Gemeinsam stellen wir das Instrument richtig ein – meist können bereits Druckstellen abgebaut werden, beispielsweise auf dem Schlüsselbein.“

Eigenartigerweise – oder vielleicht auch bezeichnenderweise – haben Violinisten oft einen verspannten Kiefer: Die hohe Konzentration während des Spiels äußert sich dann in nächtlichem Knirschen und Spannungskopfschmerzen am Morgen. Zusätzlich löst der Druck der Geige eine Subluxation des linken Kiefergelenkes aus und beeinträchtigt zwangsläufig auch das rechte Kiefergelenk.

Systematisch zur persönlichen Bestform

Milena Daniel geht die Musiker-Therapie systematisch an:

  1. 1. Schritt, die Statik: Wie steht oder sitzt der Musiker?
  2. 2. Schritt, die Dynamik: Wie bewegt er sich während des Musizierens?
  3. 3. Schritt, die Gesamtkoordination: Wie harmonisiere ich Stellung und Bewegung?

 „Ich bringe Ergonomie ins System – und das wirkt“, sagt die erfahrene Therapeutin. Diese Wirkung schießt ab und an mit sehr netten Wiedersehen ins Kraut: „Das schönste Erlebnis war das mit einem Pan-Flötisten: Er spielte wunderbar – aber er bewegte den Kopf zu den Röhren hin, anstatt dass er die Flöte unter seinem Kopf bewegte.“ Das setzte mit der Zeit massive Verspannungen im Nackenbereich ab, sodass der Kopf unwillkürliche Bewegungen machte – ein Desaster für einen Bläser! In der Therapie lernte er neue Bewegungsmuster – solche Umprogrammierungen brauchen Zeit, eröffnen aber ungeahnte Bewegungsqualität und daraus folgende Tonqualität. Als er seine Physiotherapeutin später an einer Veranstaltung sah, lief er auf sie zu, nahm sie in die Arme und rief: „Frau Daniel, ich muss Sie küssen!“

Bea Miescher / Milena Daniel
20. November 2006