Margrit Kessler: Vermittlerin zwischen Ärzten und Patienten
Spiraldynamik News Archiv Portrait | Sie ist Präsidentin der Schweizerischen Stiftung SPO-Patientenschutz und es gibt Ärzte, die sie fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Völlig zu unrecht, denn in 8 von 10 Fällen nimmt sie Ärzte in Schutz. Margrit Kessler eröffnet den Spiraldynamik-Kongress - sozusagen Honoris Causa - und nimmt am Podium teil.

PortrÄtsSie ist Präsidentin der Schweizerischen Stiftung SPO-Patientenschutz und es gibt Ärzte, die sie fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Völlig zu unrecht, denn in 8 von 10 Fällen nimmt sie Ärzte in Schutz. Margrit Kessler eröffnet den Spiraldynamik-Kongress – sozusagen Honoris Causa – und nimmt am Podium teil.

Margrit Kessler ist in der Schweiz eine Berühmtheit: Sie kämpft für die Rechte der Patienten, selbst wenn diese tot sind – und dann erst recht. 2005 wurde sie für diesen Kampf nach einem wahren Kesseltreiben gerichtlich verurteilt: 200 000 Franken Busse und eine bedingte Gefängnisstrafe! Das Kantonsgericht hob dieses Urteil wieder auf. Der Staatsanwalt akzeptierte den Freispruch jedoch nicht und reichte beim Bundesgericht Beschwerde ein. Hängen blieb noch eine Falschaussage – aus Sicht von Margrit Kessler ein rein politischer Schuldspruch. Alle anderen Vorwürfe wurden als unberechtigt beurteilt. Für diesen unbeirrbaren Kampfgeist und Mut gegen die „Obrigkeit“ wurde Margrit Kessler im vergangenen Jahr für den „Prix Courage“ nominiert. Dass sie dabei zum Ärzteschreck wurde, nimmt sie gelassen hin, denn auch das lässt sich mit Zahlen widerlegen. Und viele Ärzte wissen, was sie dieser Frau zu verdanken haben.

Sie waren Krankenschwester, ein Beruf mit hohem Ansehen. Heute sind Sie Präsidentin der SPO – Wie sind Sie in diese „verzwickte Lage“ geraten?

Alt-Nationalrätin Rosmarie Dormann hat mich 1989 angefragt, ob ich mich nicht bei der Stiftungsgründung der SPO engagieren möchte. Die SPO war damals noch ein Verein. Zu dieser Zeit war ich sozialpolitisch aktiv und habe mich für aufwändige Therapien bei behinderten Kindern eingesetzt.

Was treibt Sie an? Woher nehmen Sie die Energie?

Ich habe 25 Jahre auf einer chirurgischen Intensivstation gearbeitet und beobachtete, wie die Fehler vertuscht wurden. Geschädigte Patienten fühlten, dass ein ausserordentliches Ereignis vorgefallen war, aber sie hatten niemanden, der ihnen half und aufzeigte, was nicht korrekt gelaufen war. Für meinen Gerechtigkeitssinn war das stoßend. Als die Anfrage kam, mich für betroffene Patienten einzusetzen, sagte ich sofort zu.

Wie viel Prozent der eingehenden Beanstandungen haben „Fleisch am Knochen“.

Wir haben letztes Jahr beinahe 4200 Beratungen durchgeführt. Mögliche Sorgfaltspflichtverletzungen haben wir rund 200 abgeklärt. Das sind nur 4 Prozent aller Anfragen!

Um welche Themen geht es vor allem?

Nicht weniger als 45 Prozent oder 1900 Ratsuchende stellten uns Fragen rund um eine Arztbehandlung. Schätzungsweise 1000 Ratsuchende wollten konkret wissen, ob es sich bei ihrem Fall um eine Sorgfaltspflichtverletzung handle. Bei 80 Prozent aller Anfragen konnten wir schnell feststellen, dass Komplikationen oder Kommunikationsprobleme die Ursache waren, nicht eine Sorgfaltspflichtverletzung.

Ist das nicht enorm zeitaufwändig?

Nein: Die meisten Beurteilungen sind einfach und können den Betroffen schon im Gespräch erläutert werden.

Welches ist der häufigste Irrtum bei Patienten?

Viele glauben, dass sie bei Komplikationen oder bei einer nicht erfolgreichen Behandlung die Rechnung nicht bezahlen müssen. Wir klären die Ratsuchenden darüber auf, dass der Arzt nicht auf Erfolgsbasis arbeitet, sondern im Auftragsrecht, und dass die Patienten die Rechnung bezahlen müssen.

Da nehmen Sie den Ärzten aber viel Arbeit und Unannehmlichkeiten ab!

Oh ja! Denn uns glauben die Ratsuchenden- oft auch zähneknirschend - weil wir unabhängig sind

Welches ist der Hauptirrtum der Ärzte?

Es haben immer noch nicht alle Ärzte begriffen, dass die Krankengeschichte den Patienten gehört: Dabei handelt es sich um das Patientengeheimnis und nicht um das Arztgeheimnis. Das ist immer ein besonderes Ärgernis.

Kamen auch schon Ärzte als Ratsuchende zu Ihnen?

Schon viele, das ist keine Seltenheit. Sie fragen uns um Rat auf allen Ebenen.

Wie ertragen Sie die zum Teil heftigen Reaktionen? In Sankt Gallen veranstalteten Ärzte, Behörden und Medien ja ein wahres Kesseltreiben gegen Sie.

Sie haben alle Möglichkeiten ausgeschöpft und gegen mich verwendet, um mich mundtot zu machen. Aber wenn man einen solchen Job übernimmt, dann braucht man einen breiten Rücken. Den habe ich mir während meiner politischen Arbeit angeeignet. Man gewöhnt sich an alles, sogar daran, dass die St. Galler Untersuchungsbehörde den mächtigen Chefarzt geschützt und auf die Frau gespielt haben, die nur die Ausbildung einer Krankenschwester und keinen akademischen Titel hat.

Ist das die allgemeine Erfahrung, die Sie im Umgang mit Medien haben?

Oh nein, ganz im Gegenteil: Meine Erfahrungen mit den nationalen Medien sind gut bis sehr gut. Einzig das St. Galler Tagblatt hatte während meiner verschiedenen Verfahren in St. Gallen so viele Unwahrheiten publiziert, dass die SPO den Presserat zu Hilfe rufen musste. Wir haben in fast allen Punkten Recht bekommen.

In Ihrem Stiftungsrat sind auch Ärzte, die ganz offensichtlich keine Antipathien gegen Sie haben.

Ich lebe in einer Ärztefamilie: Mein Mann, ein Sohn und zwei Schwiegertöchter sind Ärzte. Sie alle finden es wichtig, dass ich diese Arbeit leiste. Ich weiß, dass die Ärzte, die mich kennen, mich nicht fürchten. Im Gegenteil, sie schätzen meine Arbeit sehr. Auch sie beobachten, dass die Arbeit der SPO viele Unannehmlichkeiten von den Ärzten fern hält.

Auch Juristenfutter?

Vor allem Juristenfutter: Wenn sich Patienten mit einer Komplikation an einen nicht spezialisierten Anwalt wenden, wird sich der Arzt mit diesem Anwalt viele Jahre auseinandersetzen müssen. Der Arzt wird zwar am Schluss Recht bekommen, aber das Verfahren wird seine Arbeit blockieren. Wenn sich die Patienten jedoch bei der SPO melden und sich beraten lassen, können wir solche unnötigen Probleme von den Ärzten fern halten.

Sie sind eine zentrale Persönlichkeit: Wie stark definiert sich die SPO über Ihre Person?

„Stark“, wie mir der Leiter des Forschungsinstitut Bern gfs kürzlich sagte: Als ich im Jahr 2005 zu 10 Monaten Gefängnis bedingt und zu Entschädigungen von beinahe Fr. 200 000.- verurteilt wurde, haben die Umfragen des Forschungsinstituts ergeben, dass die Kompetenz der Patientenorganisationen auf die gleiche Ebene wie die der Ärzte und Apotheker gestiegen war. Dieses Resultat schreibe ich meiner damaligen Popularität zu. Schon 2006 sind wir allerdings wieder ins Mittelmass abgesunken.

Haben Sie auch schon einmal aufgegeben, weil etwas aussichtslos war?

Ich bin nicht stur und lasse mich immer belehren. Wenn ein Fall während der Abklärungen ergibt, dass er aussichtslos ist, dann gebe ich immer auf!

Bea Miescher
29. Oktober 2008