PortrÄtsDer hochdekorierte Arzt und Professor der Chirurgie schenkt Menschen ein neues Gesicht. Am Spiraldynamik Kongress 2008 schildert er die Wechselwirkung zwischen Zeitgeist, Schönheit und Erfolg.
Allein mit Kompetenz sind zwei Doktortitel, eine Professur und ein dreifacher Ehrendoktor nicht zu erreichen. Dahinter steht fachliche Brillanz, Mut, Scharfsinn und vor allem grosse Menschlichkeit, die ihm einen weiteren Ehrendoktor eingebracht hat. Wer ihn auf „Schönheitschirurg“ reduzieren will, kann das tun. Alle anderen sind beeindruckt:
Die Cleft-Stiftung für entstellte Kinder
Hermann Sailer gehört zu den international führenden Kapazitäten der Gesichts- und Kieferchirurgie. Wenn irgendwo eine hochkomplizierte Operation ansteht, wird er zu Rate gezogen. Durch Unfälle entstellte Menschen, Siamesische Zwillinge oder Kinder mit angeborenen Entstellungen wie Cleft (Sog. „Hasenscharten“) sind Sailers Spezialgebiete. Er ist Gründer der internationalen Cleft-Stiftung, die in Rumänien, Kamerun und Indien Kinder aufspürt, die von ihren Eltern aus Scham versteckt werden. Tausende Operationen hat Sailer bereits in Ländern der Zweiten und Dritten Welt durchgeführt. So verhilft er einerseits Kindern zu einem menschenwürdigen Leben , anderseits bildet er Ärztinnen und Ärzte vor Ort aus. Im vergangenen Frühjahr erfüllte sich sein lang gehegter Wunsch: Er eröffnete in Hyderabad die erste Schule für Kinder und Jugendliche, die wegen ihrer Missbildungen keine Chance für einen Platz in der Schule und schon gar nicht in der Gesellschaft gehabt hätten.
„Das Gesicht ist unser Kommunikationsorgan“
Entstellte Kinder haben in vielen Kulturkreisen keine Chance auf ein menschenwürdiges Leben: „Sie werden versteckt, verstoßen, werden nie Zuwendung und Liebe erfahren. Das ist die Hölle auf Erden“, sagt Sailer und liefert den Beweis gleich nach. „Was denken Sie, warum es bei uns keine entstellten Kinder mit Hasenscharten gibt?“ Natürlich gibt es sie immer noch. Gerade weil Entstellungen auch bei uns gesellschaftlich einem vernichtenden Urteil nahe kommen, werden Kinder mit Hasenscharten so früh wie möglich operiert. „In den ersten 10 Lebensjahren sind 4 Operationen nötig. Bei uns greift das hervorragend. Kein Kind muss entstellt aufwachsen. Ihm wird geholfen. Denn geliebt wird nur, wer attraktiv ist.“ Anziehend eben – und das Gegenteil davon ist abstoßend. Der Mensch sieht nur mit dem Herzen gut – ein wunderschönes Zitat, das dem harten Alltag nicht stand hält. „Das Gesicht ist unser Kommunikationsorgan“, erklärt Sailer. „Urteile und Vorurteile werden in der ersten Sekunde gefällt. Der Mensch schließt fast reflexartig von äußerer Schönheit auf innere Werte.“
Attraktiver als der Durchschnitt
Deshalb nimmt Hermann Sailer die Kinder in Hyderabad von der Strasse. In der Schule bekommen sie zusammen mit ihren Leidensgenossen Zuwendung, Behandlung und Bildung. „Wenn immer möglich und wenn es die Begabung zulässt, stellen wir die jungen Menschen später im angegliederten Spital an. So haben sie Arbeit und können den Vorurteilen und dem Elend selbst aktiv entgegenwirken.“ So realisiert er das, was jede erfolgreiche Institution im humanitären Sektor kennzeichnet: Hilfe zur Selbsthilfe.
Nachgefragt beim Star-Chirurgen
Professor Sailer,Sie kommen soeben aus Ihren „Sommerferien“ aus Indien zurück. Wie war’s?
Fast unerträglich heiß mit über 90 Prozent Luftfeuchtigkeit und Temperaturen immer über 30 Grad. Aber Ferien waren es auch nicht: Wir haben hunderte von missgebildeten Kindern untersucht, operiert und die Behandlungsstrategien weiterentwickelt.
Brauchen die Kinder in Indien auch so viele Operationen?
Ja. Das ist ein komplizierter Prozess, abhängig vom Wachstum der Kinder. Die Kieferspalte schließen reicht nie. Die Kinder müssen sprechen können. Das braucht mehr. Meine Vision ist, dass der Patient schließlich attraktiver ist als der Durchschnitt der Menschen. Nur so wird es Akzeptanz und Liebe erfahren können. Und nur darum geht es schließlich im Leben.
Sie sind auch Schönheitschirurg: Wie bringen Sie das ganze Prisma von lebensgefährlichen Entstellungen bis zum Facelifting unter einen Hut?
Für mich macht das überhaupt keinen Unterschied. Es gibt Menschen – meist schöne Menschen, Künstler und exponierte Prominente – die extrem leiden, zum Beispiel unter dem Alterungsprozess. Sie empfinden das Alter als existenzielle Vernichtung. Sie werden depressiv, krank. Warum sollte ihnen nicht geholfen werden?
Betrifft das vorwiegend Frauen?
Das kann man so nicht sagen: In der Politik ist Schönheit für eine Frau geradezu hinderlich. Spitzenpolitikerinnen wie Margret Thatcher, Angela Merkel, die finnische Staatspräsidentin Tarja Halonen, die erste Amerikanische Außenministerin Madeleine Albright – mit Schönheit gesegnet hätten die weniger Chancen gehabt. Anders bei erfolgreichen Männern: Ackermann, Brabeck, Bertarelli und Co. Alles überaus attraktive Männer. Und Berlusconi und Sarkozy profitieren wo immer möglich von verjüngenden Maßnahmen. Also bitte auch hier keine geschlechterspezifischen Vorurteile. Aber eben: Urteil und Vorurteil – das steckt tief in uns drin!
Bea Miescher
31. August 2008





