PortrÄts Gunter Frank ist Arzt, Autor und Gesundheitsberater für Patienten und Unternehmen. Er plädiert für mehr Individualität in der Gesundheitsförderung, für weniger Diskriminierung, mehr Wahrheitsgehalt in Berichterstattungen und Empfehlungen und vor allem: mehr Lebensfreude.
Gunter Frank arbeitet neben seiner praktischen Tätigkeit als Arzt am europäischen Institut für Lebensmittel und Ernährungswissenschaften mit Udo Pollmer zusammen. Die beiden könnten unterschiedlicher kaum sein: Frank bringt Ruhe, Übersicht und medizinische Lösungen ins (Gesundheits-) System, welches Pollmer mit Büchern und Vorträgen immer wieder gerne und augenzwinkernd verquirlt. Am Spiraldynamik Kongress kommt Gunter Frank eine Schlüsselrolle zu. Er wird als Schlussreferent die Fragezeichen, die Udo Pollmer in den Raum stellen wird, auflösen und konkrete Ansätze für individuelle Gesundheitsplanung jenseits von Massenempfehlungen präsentieren.
„Wissenschaftlich haltlos, medizinisch gefährlich, menschlich grausam“
Harmoniebedürftig ist Gunter Frank aber bei Leibe nicht: Scharfzüngig wird er, sobald heilbringende Methoden gepredigt werden – also sehr oft. So forderte Frank in einem offenen Brief an die Verantwortlichen der Aktion „PowerKids“ die sofortige Einstellung der unsäglichen Abspeckprogramme für übergewichtige Kinder. Die Bilder gingen um die Welt: Fettleibige Kinder werden zur Teilnahme an Erziehungsprogrammen überredet. Vor laufender Kamera zur Schau gestellt, schweißüberströmt joggend oder lustlos in der Küche lauter „gesunde“ Dinge raffelnd – ein pietätloses Unding im Dienste hoher Einschaltquoten und leerer Versprechungen, denn „Bis heute fehlt jeder wissenschaftliche Beweis über irgend einen Erfolg dieser Tortouren,“ kritisiert Frank. Menschen, die nicht dem aktuellen Schönheitsideal entsprechen, würden systematisch diskriminiert, ausgegrenzt und ungefragt mit scheinwissenschaftlichen Ratschlägen gepiesackt - und er spricht aus Erfahrung. Seine Patienten sind zu einem guten Teil übergewichtige Menschen oder solche, die sich als zu dick empfinden. Wer früher als Wonneproppen bezeichnet wurde, wird heute diskriminiert – und das macht definitiv krank.
Interview mit Dr. med. Gunter Frank
Dr. Frank, Anorexie ist modern, Appetitlosigkeit eine Tugend. Was sind die medizinischen Konsequenzen?
Der Diätwahn betrifft nicht nur Mollige sondern auch Dünne: Letztere sind besonders gefährdet, zusammen mit Fitnesssport in eine Essstörung zu rutschen. Anorexie ist die psychosomatische Erkrankung mit der höchsten Todesrate. Sie liegt bei rund 20 Prozent. Wenn man liest, daß die 11 bis 13-jährigen Mädchen schon zu 70 Prozent auf Diät sind, sollten wir dringend anfangen nachzudenken, ob die bisherige Art und Weise, gesundes Ernährungsverhalten zu vermitteln, tatsächlich gesund ist.
Sind Kinder tatsächlich dicker geworden oder wurde das Schönheitsideal dünner?
Wir werden seit 200 Jahren länger und schwerer, der Fachbegriff lautet saeculare acceleration. Unsere Ernährungssituation ist inzwischen so gut, daß wir unser genetisches Wachstumspotential fast ausgeschöpft haben. Vorschuluntersuchungen zeigen auch, dass Kinder bis ins Jahr 2000 zwar stetig schwerer wurden, seitdem aber wieder abnehmen. Das alles findet in höchst undramatischer und medizinisch irrelevanter Weise statt.
Ist Fasten nun gesund oder nicht?
Fasten ist nicht dasselbe wie Hungern: Heilsames Fasten braucht sehr viel Ruhe. Es geht nicht ums Abnehmen, sondern ums Entschlacken, Reinigen, es führt zu Klarheit auch im Denken. Hungern ist stressig und somit der Gesundheit abträglich.
Welchen gesundheitlichen Erfolgsfaktor hat Bewegung Ihrer Erfahrung nach?
Bewegung hat für moderne Menschen vor allem einen Nutzen: Sie hilft, Stress abzubauen mit allen positiven Folgen. Bewegungszwang stehe ich sehr skeptisch gegenüber.
Was macht grundsätzlich gesund?
Kann man nicht sagen. Gesundheit ist und entsteht so individuell, dass lediglich gesagt werden kann: Wer heilt, hat recht. Oder noch präziser: Wer heilt tut recht. Wie das zustande kommt, ist für den Patienten ziemlich irrelevant.
Wie sollen Fachleute aus medizinisch-therapeutischen Berufen mit diesem Un-Wissen umgehen?
Therapeuten jeder Fachrichtung sollen auf ihre guten Erfahrungen bauen. Zudem sollen sie wieder horchen, riechen und schmecken lernen. Wer die Sinne schärft, hat bei allen seriösen Heilverfahren mehr Erfolg. Sich mit anderen Therapeuten auszutauschen und auf die wenigen guten wissenschaftlichen Informationsquellen zu achten, ist dabei sehr hilfreich.
Also am Patienten bleiben, nicht am Theoriewissen?
Ja klar: Keine Statistik oder Theorie der Welt hat allein für sich Relevanz fürs praktische Leben. Entscheidend ist, das individuelle Heilungspotential des Patienten zu ergründen und darauf aufzubauen.
Sie sind von Ihrem Naturel her ganz anders als Udo Pollmer und Sie arbeiten sehr erfolgreich zusammen, auch als Autoren. Welche Synergien entstehen dabei?
Ich bezeichne Udo Pollmer oft als meinen wissenschaftlichen Kompass. Er ist so belesen, wissenschaftlich so brillant und am Puls der Forschung, wie man es selten antrifft. Gespräche mit Udo Pollmer verschaffen mir stets den größtmöglichen Überblick über ein Thema. Dabei habe ich lernen müssen, daß dadurch auch scheinbar in Steingemeißeltes ins Wanken gerät. Und das muß man erst mal verkraften.“
Bea Miescher
28. September 2008





