Tanz: Therapie für die innere Feinabstimmung

Spiraldynamik_Tanztherapie

bewegungslernenAm Spiraldynamik Med Center Zürich sind Tänzerinnen und Tänzer in besten Händen. Zwölf Fragen an Christine Baumann, Physiotherapeutin und Tänzerin mit Schwerpunkt Tanz-Therapie am Med Center Zürich.

Tänzerinnen und Tänzer beanspruchen ihren Körper im Training und auf der Bühne im Bereich des Hochleistungssports. Aller Begabung zum Trotz sind falsche Bewegungsmuster verbreitet. Durch vermehrte Abnutzung wird der Körper vom Instrument zum Patienten. Auf die ärztliche Diagnose am Med Center folgt die Therapie.

Christine Baumann, wo setzen Sie in der Therapie klassischerweise an?
Das ist natürlich individuell, hängt vom Krankheitsbild ab – aber der klassische erste Schritt heißt grundsätzlich immer: Die Augen vom Spiegel lösen, in den Körper hineinhören und wahrnehmen.

Das können Tänzer sicher besonders gut.
Nicht unbedingt. In der professionellen Tanzszene ist Disziplin gefragt und Drill, denn ohne geht es nicht. Da heißt es oft Zähne zusammenbeißen und weiter trainieren, obschon der Körper andere Signale sendet.

Und da machen Sie eine Zäsur?
Unbedingt! Frage eins lautet oft: Worauf achtest du beim Stehen? Und schon kommen die ersten Überraschungen.

Hand aufs Herz – das können die Tänzer doch alle.
Im besten Fall ja. Aber das Bewusstsein fehlt in den meisten Fällen. Vor lauter Höchstleistung gehen die Basics verloren. Das ist bei Tänzern genau gleich wie bei Spitzensportlern: Die Grundlagen werden vernachlässigt zugunsten von noch mehr Leistung.

Und nun wird wiederentdeckt?

Genau! Aber nicht mit Fleiß und Drill. Tänzer sollen wieder den spielerischen Zugang zu ihrem Körper finden. Neues entdecken, neue Bewegungs-Räume und Möglichkeiten erforschen. Das ruht alles in ihnen und kann geweckt werden.

Mit Spiraldynamik?
Ja. Dieser Zugang zur ureigenen Anatomie, zur Identität und Authentizität ist Grundlage für mehr Ausdruck auf der Bühne. Die Dreidimensionalität führt zu mehr Sicherheit und Charisma – alles, was sich Tänzer wünschen. Alles, was auf die Bühne gehört.

Ein praktisches Beispiel bitte!
Der Standard-Satz lautet: „Steh hoch auf dem Bein“. Das ist völlig korrekt – aber die konkrete Anleitung für die praktische Umsetzung fehlt: den Oberschenkelkopf stabil in die Gelenkpfanne schrauben, die Standbeinseite des Beckens sichernd und kräftigend über den hoch aufgerichteten Oberschenkel senken – das sind ganz konkrete Lernschritte, die körperintelligente Tänzer schnell beherrschen lernen. Das sind Aha-Erlebnisse!

Kann diese neue Bewegung nicht auch verunsichern?
Das kann tatsächlich vorkommen. Das kennen wir von der Gangschulung her. Wenn sich ein Mensch plötzlich aufs Gehen konzentriert und die Füße anders belastet, wird er unsicher, hat plötzlich zu viele Füße!

Nicht ideal für Tänzer!
Vordergründig ja, aber grundsätzlich möchten Tänzer möglichst lange auf der Bühne bleiben: Da spielt der „Materialverschleiss“ eine entscheidende Rolle. Durchschnittlich stehen Profitänzer lediglich sechs Jahre auf der Bühne – danach ist verletzungshalber Schluss. Das ist extrem wenig – da liegt präventives Potential drin.

All das ist zusätzlicher Aufwand im bereits stressigen Beruf.
Nein, im Gegenteil: Das gehört auch zu den ersten Schritten in der Therapie: Die meisten Tänzer sind wirklich gut! Aber sie brauchen zu viel Energie für die Basics, für die Grundpositionen. Bei mir lernen sie, weniger zu tun, aber am richtigen Ort. Sie müssen wissen, wo gearbeitet werden soll – das schaufelt Ressourcen frei.

Da braucht es wieder ein konkretes Beispiel:
Nehmen wir wieder das „Stehen auf dem hohen Bein“: Wenn das kein Kraftakt mit unbekanntem Faktor mehr ist, kann der Tänzer die Bewegung kontrolliert und gezielt abrufen – und das hält, sicher und zuverlässig. Nun hat der Künstler den Kopf frei, um sich der Musikalität, der Interpretation hinzugeben. Eins zu werden mit der Musik.

Also Bewegungsintelligenz als Basis zur höheren Kunst?
Das ist das erklärte Ziel. Brillante Technik und gutes Rhythmusgefühl sind Grundlagen – haben aber mit dem Wesen des Tanzes nicht viel zu tun. Es geht um Verinnerlichung, um nach außen wirken zu können; es geht immer um Ausdruck, um das sichtbar machen der Musik.

 

Bea Miescher
20. Mai 2009