PortrÄtsWie wahr ist Wahrnehmung? Im Bild oben hat es keine schwarzen Punkte, obschon wir sie mit eigenen Augen sehen. Der Berner Augenarzt und Philosoph Alois Wechsler erläutert mit seinem Eröffnungsreferat am Spiraldynamik-Kongress, wie sich ein Irrtum in uns festsetzen kann.
„In der westlichen Welt kam es in den letzten Jahrzehnten zu einer Explosion der Visualität“, sagt Alois Wechsler. Das sollte den Augenarzt mit Praxis in der Stadt Bern eigentlich freuen, denn überforderte Sehorgane füllen seine Praxis. Doch Alois Wechsler ist neben Arzt auch Philosoph, belesen und forschend durch und durch: Mit seinem Wissen über die menschliche Wahrnehmung und der zwangsläufigen Entstehung von Irrtümern legt er die Basis zum Kernthema „Irrtümer“ und gleichzeitig den roten Teppich für den Reigen der folgenden Referenten.
Dr. Wechsler, Sie sagen, unsere Kultur sei eine „visuelle Kultur“. Wie manifestiert sich das?
Seit etwa 100 Jahren gibt es, zumindest in der westlichen Hemisphäre, eine Explosion der Visualität. Nicht mehr gefragt ist die traditionelle „Oral history“, die Wissen durch Erzählen über Jahrhunderte vermittelt hat.
Man glaubt also nur noch, was man sieht?
Ja. Selbst vor Gericht zählt nur der Augenzeuge, das gilt dann als authentisch. Dabei gibt es nirgends so viele Irrtümer wie beim Sehen. Trotzdem macht sich, wider besseres Wissen, eine Visualität breit, die fast alles bestimmt und die anderen Sinne zurückdrängt.
Sie sprechen von Foto, Film, Video?
Ja: Aus dem Descarte’schen „Cogito, ergo sum“ (ich denke, also bin ich) ist ein „video, ergo sum“ geworden. Paradebeispiel Cyber-sex: Isolierte Sexualität als reines Seh-Erlebnis ohne die integralen Elemente wie Hören, Fühlen, Schmecken, Riechen.
Woran liegt diese Seh-Dominanz?
Das hängt mit dem zentralen Nervensystem zusammen, das zu 70 Prozent mit visueller Informationsverarbeitung beschäftigt ist. Was mir aber noch wichtiger erscheint: Das Sehen ist distanzierend, abstrakt und unpersönlich. Alle anderen Sinne sind nah! Mit Ausnahme des Hörens, welches eine Mittelstellung einnimmt.
Wie wirkt sich das auf unsere Gesellschaft aus?
Wir sind in einer materialistischen Kultur zu Hause, die allüberall Objektivität verlangt. Allem, was nicht sichtbar ist oder sichtbar gemacht werden kann, stehen wir kritisch oder negierend gegenüber. Gerade damit aber verpassen wir die Hälfte unserer Realität.
Sind visuelle Kulturen somit Irrtums-anfälliger als andere?
Unbedingt! Schon aus physiologischen Gründen: Das Spektrum der visuellen Wahrnehmung umfasst eine Oktave, das der akustischen aber acht Oktaven. Töne sind eindeutig, Farben nicht. Sie können rein sein oder gemischt, was wir nicht zu unterscheiden imstande sind. Visualität, wie mein Vortrag hoffentlich zeigen wird, ist immer polyvalent und deshalb fehlerhaft. Tückisch dabei: da wir glauben, was wir sehen, stört uns der Irrtum nicht.
Somit wäre „sehen“ immer mit“ irren“ verknüpft?
Das ist ein eminentes Thema meines Vortrages. Da wir nur glauben, was wir sehen, glauben wir auch den Irrtum: Ein wunderschöner, klassischer Syllogismus nach Aristoteles! Was alle glauben, muss auch ich glauben, damit ich nicht ausgegrenzt werde. Wie ich zeigen werde, glättet das zentrale Nervensystem die Unebenheiten der Wahrnehmung bis sie passen. Bis es mir passt.
Warum ist der Blick auf das Offensichtliche oft so getrübt?
Die Frage ist in sich verkehrt, denn klar ist zum vornherein gar nichts. Erst später, wenn das berühmte kleine Detail erkannt wurde, wird es im nachhinein offensichtlich und für alle selbstverständlich.
Gibt es einen intelligenten Umgang mit den eigenen Irrtümern?
Man muss sie verwerfen und nach Alternativen suchen. Solche Selbsterkenntnis ist nicht nur heilsam sondern macht frei für unvoreingenommene Erkenntnis. Das ist eine kulturelle Leistung.
Gibt es Strategien, die Irrtümer verhindern können?
Ja, durchaus. Erziehung zu kritischer Intelligenz statt unnützes Wissen anzuhäufen, kindliche Neugier bewahren anstelle der politisch korrekten Verschulung, die alles Kreative und Individuelle abtötet, nur damit die Kinder sozial nivelliert und homogenisiert werden. Immer und überall Fragen stellen, in Frage stellen, reflektieren – vor allem sich selbst. Alles andere ist partikulares Scheinwissen, ist höchstens partytauglich und trägt nichts bei zum Tiefenwissen. Tiefenwissen braucht Standfestigkeit und intellektuelle Redlichkeit.
Bea Miescher
23. September 2008





