Albert Schmitt: "Neues entsteht an den Rändern, nicht in der Mitte"

Spiraldynamik: Albert Schmitt

portraitEr war Contrabassist der Deutschen Kammerphilharmonie, bevor er als Managing Director dem Orchester zum Durchbruch auf allen Ebenen verhalf. Die Geschichte eines universell Erfolgreichen.

Als Orchestermusiker war Albert Schmitt nicht nur hochmusikalisch. Er war auch mit unternehmerischem Scharfsinn gesegnet - und diese Gabe nagte an seinen Nerven: Denn das Orchester, davon war er überzeugt, konnte mehr, vor allem wirtschaftlich. Ein Geschäftsführer nach dem anderen gab sich die Klinke in die Hand - erfolgreich war keiner. Ein Schuldenberg von rund 1 Million Euro hatte sich angehäuft. Dramatisch, denn die Musiker dieses Orchesters sind nicht Angestellte, sondern Gesellschafter des Unternehmens. Die Bank drückte sämtliche Augen zu, denn jeder haftete schließlich mit seinem privaten Vermögen. „Nach dem fünften Geschäftsführer hatte ich genug“, sagt Albert Schmitt. Er wechselte den Beruf, vom Contrabassisten zum Managing Director der Deutschen Kammerphilharmonie. Das Resultat: ein durchbrechender Turnaround.

Was um Himmels Willen soll das?

Als erstes musste Albert Schmitt eine andere Brille aufsetzen: Die Musikerbrille legte er weg, denn das Orchester hatte durchaus kein musikalisches Problem sondern ein wirtschaftliches, und zwar ein handfestes. Schmitt ließ sich von Wirtschaftsprofis beraten und folgte seinem unternehmerischen Scharfsinn. Ein mittleres Erdbeben ging durch das Orchester - es kam zum großen Wechsel, den es auszuhalten galt. Aber Phoenix stieg unaufhaltsam aus der Asche. Mit dem Umzug an die Gesamtschule Bremen-Ost, mitten ins Migrationsquartier mit all seinen soziokulturellen Herausforderungen babylonischen Ausmaßes stellte man sich die Frage: "Was tun die da und warum ums Himmels Willen?" Inzwischen gehört Die Deutsche Kammerphilharmonie zur europäischen Spitze - Weltspitze in Griffweite. Und nun Nudeln schöpfen mit benachteiligten Kindern aus 80 Nationen? "Ja genau das ist es," bejaht  Albert Schmitt die Frage. "Das erzeugt genau die Spannung, die es braucht, um den Top-Level zu halten, um sich immer wieder aus neuen Situationen heraus neu zu erfinden." Alles andere sei Ausruhen auf Lorbeeren.

Vom Geheimtipp zur Weltspitze

"Unsere Gesellschaft zersplittert, das wird dramatische Folgen haben." Keine unheilvolle Prophezeiung sondern realistische Analysen demografischer Beobachter und Prognosen glaubwürdiger Zukunftsforscher. Diese Zersplitterung habe Stillstand zur Folge. Schmitt sieht das Orchester als lebenden Organismus. "Erstarrt er, sind wir dort, wo wir nicht hinwollen - in der Reglosigkeit." Bekannt aus den starren Formen angestaubter Orchester, die die Dynamik eines Teesalons ausstrahlen. Für Lebendigkeit ist bei der Deutschen Kammerphilharmonie in Bremen in perfekter Art und immer gesorgt: Kinder, Kinder! So stehen neben der Zusammenarbeit mit internationalen Star-Solisten und Konzert-Tourneen Projekte mit benachteiligten Schülern auf dem Programm. Mit Paavo Järvi hat sich das Orchester ganz bewusst einen künstlerischen Leiter gesucht, der von völlig anderen musikalischen Positionen geprägt ist. „In Zukunft werden Kreativität und echte Individualität zunehmend wichtiger werden," sagt Albert Schmitt, "Neues entsteht nicht in der Mitte, sondern an den Rändern, an den Schnittstellen verschiedener Bereiche."  

Preisgekrönt und gut geerdet

Für dieses Engagement und die zukunftsweisenden integrativen Projekte wurde Die Deutsche Kammerphilharmonie 2008 mit dem deutschen Gründerpreis für ihr besonderes soziales Engagement ausgezeichnet. Dies neben zahlreichen Auszeichnungen und Superlativen für die musikalischen Leistungen, die sich mit der Weltspitze messen können. Mit dem Film "Unter Deutschen Dächern", der die Arbeit mit den Jugendlichen dokumentiert, haben sich die Musiker der Deutschen Kammerphilharmonie nach den Ohren auch die Herzen des Publikums erobert. Und was tut das liebe Geld? Die Fremdfinanzierung schrumpfte von 90 auf kerngesunde 40 Prozent. Denn das Orchester finanziert sich nicht nur aus ihrer Musik, sondern auch durch Management-Trainings, denn der hausgemachte Erfolg ist lernbar.

Das 5-Sekunden-Modell

Kernprodukt ist das in Zusammenarbeit mit Professor Christian Scholz entwickelte 5-Sekunden-Modell. „Das Modell bildet die entscheidenden Erfolgsfaktoren für Hochleistungs-Teams ab und macht sie auf andere Situationen übertragbar“, so Managing Director Schmitt. Es ist so aussergewöhnlich und wirkungsvoll wie die Arbeitsweise des Orchesters selbst - und auch hier immer mit diesem erfrischenden Augenzwinkern, das höchster Professionalität keinen Abbruch tut. Die Deutsche Kammerphilharmonie pulverisiert das verknöchert-blasierte Orchester-Image, das viele Menschen von Konzertsälen fernhält. Sie ebnet klassischer Musik den Weg ins 21. Jahrhundert und zieht die Menschen aller sozialen Schichten wie einen Kometenschweif mit. Ein akustisches, soziales und unternehmerisches Phänomen - zu erleben am Spiraldynamik-Kongress am 6. November im Kongresshaus Zürich.

Bea Miescher
8. August 2010