Wolfgang Schöllhorn: Fehler sind plötzlich „in“

 

Wolfgang Schöllhorn live erleben

Spiraldynamik: Prof. Dr. Wolfgang Schöllhorn

portrait Die Wissenschaft hat Bewegungslernen neu definiert: Differenzielles Lernen  bedeutet das Ende endloser Wiederholungen im Schul- und Leistungssport. Die Daten von Prof. Dr. Wolfgang Schöllhorn sprechen für sich. Mit ihm sprach Christian Larsen.

Prof. Dr. Wolfgang Schöllhorn war Turner, Handballer, Zehnkämpfer, Deutscher Meister und Europa-Vizemeister der Junioren im Viererbob und Karateka. Während Jahren trainierte er nationale und internationale Leichtathleten, Karatekas, Fußball-, Basketball- und Tennisspieler der Spitzenklasse. 1990 promovierte er in Biomechanik in Frankfurt und habilitierte 1996 in Bewegungs- und Trainingslehre an der Sporthochschule Köln. Seit 2007 ist er Professor für Trainings- und Bewegungswissenschaft an der Johannes Gutenberg Universität in Mainz. Seine Arbeiten im Bereich Leichtathletik, Biomechanik und motorisches Lernen wurden mit mehreren nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet.

Vive la différence!
„Grundlegend für das differenzielle Lernen ist die Variation der Bewegungen im Umkreis eines Bewegungsideals,“ so lautet die offizielle Wikipedia-Definition. Dahinter versteckt sich eine Revolution des Bewegungslernens – vom Schulturnen bis zum Spitzensport. Konkret: Fehler, die es nach traditionellen Lernmethoden zu vermeiden gilt, werden bewusst in den Lernprozess integriert!

Wolfgang, was bedeutet für dich “Bewegung?
Bewegung ist ein direkter Schlüssel zum Leben. Bewegung bedeutet Veränderung – genau wie das Leben selbst.

Was bedeutet für dich “Lernen“?
Lernen und Bewegung sind sich sehr ähnlich – beide beinhalten und bedingen die Möglichkeit, sich zu verändern und weiterzuentwickeln. Charakteristisch für das Lernen ist eine zeitlich überdauernde Verhaltensveränderung. Darin unterscheidet es sich klar vom Training: Zwei Wochen intensives Training bewirken einen messbaren Trainingseffekt, der aber nach zwei Wochen wieder verschwindet. Der Lerneffekt hingegen bleibt bestehen, die Verhaltensänderung ist stabil. Im Leistungssport können wir heute den Unterschied zwischen Training- und Lerneffekt exakt messen.

Was bedeutet “differenzielles Lernen“?
Diese neue und intelligente Art des Lernens bedeutet Lernen anhand von kleinen Unterschieden. Traditionelle Trainings- und Lehrmethoden versuchen „Fehler“ auszumerzen – Leistung und Konstanz dank Drill und endlosen Wiederholungen. Wir haben das genaue Gegenteil ausprobiert: „Fehler“ werden als natürliche Abweichungen im weiten Umkreis einer Bewegungsidee neu bewertet und für das Training genutzt. Eine Art variables Lernen – keine einzige Wiederholung, immer Abwechslung.

Ein praktisches Beispiel, bitte!

Zwei Gruppen von Grundschülern lernen Schreiben, die eine Gruppe mit traditionellem Fokus, mit vielen, vielen, vielen Wiederholungen, bis das Schriftbild lesbar wird. Bei der anderen Gruppe werden die Bedingungen bei jedem Durchgang variiert: mal mit Pinsel, mal mit dickem Fitzstift, mal auf Papier, mal auf Eierkarton, mal sitzend, mal in Bewegung usw. Schriftgröße, Tempo, Grifftechnik, Körperposition usw. werden kreativ variiert. „Fehler“ und „mangelnde Perfektion“ verlieren ihren Schrecken. Störfaktoren und variable Zielvorgaben werden systematisch mit messbarem Resultat in das Lernen eingebaut: Diese Kinder lernen schneller, besser und haben zudem mehr Spaß. Bewegungslernen und Leistungssteigerung im Sport funktionieren nach dem gleichen Prinzip.

Womit beschäftigst du dich derzeit als Forscher?
Wir untersuchen derzeit viel Spannendes, zum Beispiel die Auswirkung von Qi Gong auf die menschlichen EEG-Hirnströme oder der Wirkungsnachweis fremder Gedanken auf Aktivität und Leistungsfähigkeit von Muskeln – Gedankenübertragung im Muskellabor sozusagen. Das Thema Personen- und Mustererkennung mittels Bewegungsanalyse ist ein Dauerbrenner.

Personenerkennung durch Bewegungsanalyse, wie darf ich das verstehen?

Bewegung ist immer individuell. Es gibt keine zwei identischen Bewegungen. Das individuelle Bewegungsmuster ist wie ein Fingerabdruck in Raum und Zeit. Diesen können wir anhand von Winkelveränderungen oder Fußdruckmessungen messen und individuell zuordnen. Aus Hundert anonymisierten Diskuswürfen beispielsweise können wir die Würfe von Leichtathlet A und B klar identifizieren. In Kopenhagen konnte so ein Bankräuber überführt werden: Von zwei maskierten Komplizen trug einer die Waffe. Die beiden Gauner deckten sich wären des Verhörs gegenseitig. Der Abgleich der individuellen Bewegungsmuster mit den Aufzeichnungen der Überwachungskamera ermöglichte es, den Täter rechtskräftig zu identifizieren. Kurzum: Bewegung ist immer individuell, und Individualität ist heute messbar geworden.

Worin besteht der Nutzen des differenziellen Lernens für Nicht-Sportler und Patienten?
Es hilft anderen Menschen sich leichter zu verändern und so selbstbestimmter zu leben.

Was stellst du dir unter Spiraldynamik vor?
Ich sehe darin einen innovativen Ansatz, um komplexe Bewegungen möglichst einfach zu integrieren.

Du bist Referent am Spiraldynamik-Kongress vom 5. bis 7. November in Zürich. Wie willst du den Kongressbesuchern das Einmaleins des differenziellen Lernens beibringen?
Veränderungen sind grundsätzlich aus einem instabilen Zustand heraus leichter möglich als in einem superstabilen Zustand. Deshalb werde ich versuchen die Kongress- und Workshop-Teilnehmer so „instabil“ zu machen, dass es ihnen danach leichter fällt, in einen anderen stabilen Zustand zu kommen.

Dr. med. Christian Larsen
23. Juni 2010