Abstimmung: Provokatives zum Thema Umwandlungssatz

Spiraldynamik: Rentenabstimmung

gesundheitsmedizin
Die Schweiz stimmt über die Rente ab: Da die Menschen immer älter werden, ist das Renten-Spar-Schwein auf Diät. Schuldige werden gesucht - und gefunden, mitunter an überraschender Stelle.

Untenstehender Beitrag erschien als Editorial in  ARS MEDICI,  der schweizerischen Zeitschrift für Hausarztmedizin. Der pointierte Beitrag entspricht zwar teilweise nicht unseren Ansichten - der gewagte Blickpunkt gefällt uns aber für die Meinungsbildung. Wir bedanken uns bei der Redaktion von ARS MEDICI für die Freigabe des Textes und beim Verfasser Dr. med. Richard Altorfer für die spitze Feder!

Nicht rauchende, dünne, gesunde Profiteure
Etwas vom Einleuchtendsten und (im Einzelfall) trotzdem falsch ist das sogenannte Verursacherprinzip. Einige bürgerliche Politiker klaubten das Prinzip, mit dem man überall Staat machen und kaum je fehlgehen kann, in der gut gemeinten Absicht hervor, im Gesundheitswesen Kosten zu sparen beziehungsweise die Kosten «gerechter», eben verstärkt auf die Verursacher, zu verteilen. Übergewichtige sollen mehr bezahlen, Raucher und Sportmuffel ebenso (taktisch geschickter tönts, wenn man normalgewichtige, nicht rauchende Sportler von den Krankenkassenprämien entlastet – es kommt allerdings aufs Gleiche heraus). Bloß: Warum soll, was in der Krankenversicherung offenbar angedacht (wenn auch glücklicherweise kaum realisiert) werden kann, nicht auch für die AHV und die Pensionskassen gelten? Dann nämlich müssten endlich jene, die viel mehr Rentenleistungen von AHV und Pensionskassen beziehen, mehr Prämien entrichten. Wer das ist? Ganz klar: Nichtraucher, Normalgewichtige, Sportler. Diese Dünnen und Gesunden sind es, die das Rentensystem strapazieren, die dazu zwingen, den Umwandlungssatz herabzusetzen (wir stimmen demnächst darüber ab). Sie sind es, die ihre durchschnittliche Lebenserwartung gegen 90 Jahre steigern. Wer früh stirbt (dicke faule Raucher), stirbt jedenfalls ökonomisch sozialverträglicher. Nie muss ihm jemand die Rente auszahlen, für die er ein Leben lang Prämien bezahlt hat. Ist das gerecht?
(Nur so nebenbei bemerkt: Auch in der Krankenversicherung verursachen Dicke und Raucher nicht mehr Kosten als andere. Vielleicht sogar weniger, weil sie nämlich nicht 20 Jahre lang an vielerlei Behandlungs bedürftigen Störungen erkranken, sondern nur an einer – und gleich daran sterben. Dass man diesen armen Teufeln, die eh schon für die gesunde Allgemeinheit die AHV bezahlen, nun auch noch angebliche Mehrkosten der Krankenversicherung aufbürden will, ist wieder einmal entweder eine Unverschämtheit oder ganz einfach Ausdruck von Dummheit. Wie schon an früheren Beispielen dargelegt: Dummheit ist wahrscheinlicher.)

Fazit – nicht neu: Gut gemeint ist nicht unbedingt gut. Und: einleuchtend noch lange nicht richtig. Deshalb: Hütet euch vor den Gutmeinenden! Sie verursachen die größten gesellschaftlichen Schäden. Und: Sie sind zwar meist, aber nicht ausschließlich, in der politischen Linken zu finden.

Richard Altorfer
Editorial ARS MEDICI 03/2010