Streitgespräch: Fußoperation ja oder nein?

Spiraldynamik: Streitgespräch

eventDas "Rededuell" zwischen der Chirurgin Dr. med. Carmen Grosse und Dr. med. Christian Larsen verlief weniger kämpferisch als überaus informativ. Fragen und Antwort zusammengefasst.

Dass sich die beiden Referenten nicht an die Gurgel gehen würden, war abzusehen. Überraschend war der Konsens, der die Chirurgin und den Bewegungsforscher verbindet. Die beiden arbeiten in ihrem beruflichen Alltag oft zusammen und decken mit ihren Spezialgebieten ein breites Spektrum von Behandlungsmöglichkeiten ab. Dabei trat eine stattliche "Schnittmenge" an Einigkeit zutage: Der Trend zu nicht-operativen Therapieformen ist auch in invasiv tätigen Orthopädie-Praxen nicht zu verkennen. Mehr und mehr Chirurgen haben gelernt, dass es wichtig ist, Operationen physiotherapeutisch vorzubereiten, um sie idealerweise vermeiden zu können.

Bei zahlreichen Krankheitsbildern, die noch vor wenigen Jahren als operationspflichtig galten, sind nun auch Chirurgen zurückhaltend. Oft empfiehlt Dr. Carmen Grosse vorerst  eine Spiraldynamik-Therapie, bevor eine Operation besprochen wird.

Fragen und Antworten aus dem Plenum


Herzstück der Info-Veranstaltung war die Beantwortung der brennenden Fragen der Zuhörer, darunter viele selber Betroffene. 80 Zuhörer konnte der Moderator Prof. Dr. med. Christoph Erggelet, selber orthopädischer Chirurg, im Vortragssaal der Privatklinik Bethanien begrüßen; fast alle mit markanten Fußproblemen. Wann ist ein Fuß "kaputt", und wie geht die moderne Medizin operativ und konservativ mit den Beschwerden um? In kurzen einleitenden Übersichtsvorträgen stellten beide Referenten zunächst ihre Behandlungsmöglichkeiten vor, danach folgte die intensiv genutzte Fragerunde:

Frage: Ab wann muss grundsätzlich eine Operation in Betracht gezogen werden? Wann muss ein kaputter Fuß operiert werden?

Antwort Carmen Grosse: Entscheidend sind Schmerzen und Deformation. Beides wird individuell unterschiedlich empfunden. Je länger eine Deformierung besteht und je steifer die betroffenen Gelenke sind, je mehr die Deformation bzw. Krankheit fortschreitet, desto wahrscheinlicher wird eine OP nötig.

Christian Larsen: Wer Spiraldynamik als Therapieform wählt, kann sich an folgender Regel orientieren: "Je früher desto präventiver, je später desto therapeutischer, je noch später desto operativer." Nur operieren behebt das Symptom, meist aber nicht die Ursache des Problems. Ich empfehle meinen Patienten eine OP, wenn Schmerzen trotz Therapie die Lebensqualität einschränken oder wenn die Deformitäten so ausgeprägt sind, dass sie auf andere Strukturen übergreifen und Schaden anrichten.

Frage: Soll ich mir nach jahrelangen Schmerzen ein oberes Sprunggelenk versteifen lassen? Ich fürchte massive Bewegungseinschränkungen.

Antwort CL: Am besten lassen Sie sich den Fuß für einige Tage so tapen (mit Therapiebändern fixieren), dass Sie ein Gefühl für die künftige Versteifung erhalten. Danach können Sie entscheiden, ob es für Sie in Frage kommt.

Antwort CG: Man kann auch mit einem versteiften Sprunggelenk gut gehen und hat wenig bis keine Einschränkungen im täglichen Leben. Vor einer Operation sollte jedoch versucht werden, die Beweglichkeit solange wie möglich zu erhalten.

Frage: Ich leide unter einem „Fersensporn“, der mich sehr einschränkt. Soll ich operieren?

Antwort CG und CL: Nein. Fersensporn ist grundsätzlich ungeeignet zum Operieren, weil die unvermeidliche Narbenbildung zu mehr Beschwerden führen kann. Bei Fersensporn ist Spiraldynamik-Therapie angesagt und schmerzlindernde Massnahmen wie Einlagen oder Spritzen, z.B. mit körpereigenen entzündungshemmenden Substanzen. Auch Stoßwellentherapien können helfen.

Frage: Warum sollte man Arthrose mit dem Bewegungskonzept Spiraldynamik therapieren, wo doch grundsätzlich Stillhalten angesagt ist.

Antwort CL: Bewegung hilft auch bei Arthrose, das ist heute wissenschaftlich abgesichert. Entscheidend ist nur die Frage wieviel Bewegung und welche Bewegungen günstig sind. Bei der Spiraldynamik-Therapie geht es zusätzlich darum, die gesunden Strukturen im Umfeld der Arthrose mobil, stabil und schmerzfrei zu halten, damit sich das Problem nicht ausweitet.

Antwort CG: Stillhalten ist keine Alternative. Bewegungstraining bei Arthrose hilft, die Funktion der Gelenke zu erhalten und fördert die Durchblutung der Gelenkkapsel was wiederum die Schmerzen lindert. Durch regelmässiges Muskeltraining kann das Fortschreiten einer Arthrose erheblich gebremst werden.


Frage: Wie schädlich sind High Heels?

Antwort CL: Der Vorfuss wird überlastet und kann mit der Zeit Probleme verursachen. Auf der anderen Seite können hohe Absätze auch ein hervorragendes "Trainingsinstrument" sein, um eine gerade Stellung der Fersenbeine zu trainieren.

Antwort CG: ... sie sind aber auch Auslöser für zahlreiche Beschwerden, inklusive Spreizfuss, Hallux valgus, Morton Neurom etc. Die Dauer und die Häufigkeit des Laufens und Stehens in High Heels macht den Unterschied. Und wichtig zu wissen: Fußprobleme werden nicht mit EINER Behandlung geheilt, sondern durch ein kompetent abgestimmtes interdisziplinäres Therapiekonzept.


Florian Binzer, Bea Miescher
30. Juni 2010